Während die Mitglieder sich hastig auf das herrliche Segelschiff drängten, das den Namen Olympus trug, prophezeite ein Apostel, ihre Reise würde schrecklich, aber erfolgreich verlaufen.
John Taylor, der über die französische Mission präsidierte, hielt sich Anfang März 1851 in kirchlichen Angelegenheiten in England auf. Er nahm sich die Zeit, von Freunden, Neugetauften und Missionaren Abschied zu nehmen, die von Liverpool aus auf der Olympus nach Amerika segeln wollten. Einer seiner Freunde war William Howell, der ein Jahr zuvor die französische Mission eröffnet hatte und zum präsidierenden Altesten über die 245 Mitglieder ernannt worden war, die nach Amerika wollten. Bruder Taylor wünschte allen eine gute Reise. Dann prophezeite er, daß die Olympus von Stürmen heimgesucht werden würde und daß die Mitglieder unter bösen Geistern und Krankheit leiden würden, aber „Gott würde sie in aller Gefahr bewahren und zu einem sicheren Hafen geleiten”.
Bis New Orleans brauchte ein Schiff normalerweise rund fünf Wochen, wenn das Meer mitmachte. Wenn alles gutging, würden diese Mitglieder, die am 4. März abfuhren, bis Mitte April in Amerika ankommen, so daß sie den Mississippi hochfahren konnten, ehe das Gebiet, durch das sie fahren mußten, von der tödlichen Choleraepidemie befallen wurde, die dort in den Frühlings- und Sommermonaten wütete. Dies war die fünfte Auswanderergruppe der Mormonen, die 1850 /51 fuhr, und die nächste war erst für den darauf folgenden Januar geplant. Kapitän Wilson, ein erfahrener Seemann, befehligte die Olympus, ihre Mannschaft, die Mitglieder der Kirche und die annähernd 60 Passagiere, die keine Mitglieder waren.
Die Schwierigkeiten, die Bruder Taylor vorhergesagt hatte, begannen bereits in einer der ersten Nächte auf See. Unter Deck lagen fast 400 Seelen in tiefem Schlaf. Ihre Kojen drängten sich in dem Raum, der 27 Meter lang und 7 Meter breit war, eng aneinander. „Mitten in der Nacht” sprang ein dreizehnjähriger Junge mit einem Satz aus seiner Koje und schrie aus Leibeskräften immer wieder den Namen eines Mitreisenden. Die Eltern des Jungen und sein Bruder und seine Schwester konnten ihn nicht beruhigen. „Es war schnell klar”, berichtet ihr Reisegefährte Wilson Nowers, „daß er von einem bösen Geist besessen war.” Durch einen Priestertumssegen wurde der böse Geist ausgetrieben.
Ein weiterer Teil der Prophezeiung von John Taylor fand schnelle Erfüllung. Kaum hatte die Olympus die schreckliche Irische See erreicht, da peitschten bereits Tag und Nacht riesige Wellen gegen die hölzernen Wände des Schiffs. Drei Wochen lang waren die Passagiere, die dabei hin und her geworfen wurden, seekrank und „litten sehr unter dieser Last”. Schließlich brachte ein ruhiger Tag Erleichterung, und die Passagiere hatten das Gefühl, sie hätten das Schlimmste überstanden. Doch Kapitän Wilsons geübter Blick sah am Horizont eine Wolke, die unaufhaltsam auf das Schiff zueilte. Zuerst war sie nicht größer als ein Männerhut, dann wuchs sie bedrohlich an.
In höchster Eile rief der Kapitän beide Schichten seiner Mannschaft an Deck und ließ alle Segel einholen. Bruder Nowers und Edmund Fuller, ein zwanzigjähriger Zimmermann aus Dover, durften an Deck bleiben und den Seeleuten helfen (im weiteren Verlauf der Reise verliebte sich Edmund Fuller in eine Mormonin namens Adelaide Jelley, schloß sich der Kirche an und heiratete Adelaide in St. Louis).
Die Segel waren gestrichen, die Passagiere unter Deck geeilt, da schlug der neue Sturm auch schon mit voller Wucht zu. Die Olympus wankte hin und her „wie ein Betrunkener”. Die Sturmbö warf den Fockmast über Bord. Der Mast riß beinah ein paar Männer mit, denn er mußte mit Äxten aus seiner Verankerung gelöst werden. Wind und Wellen beschädigten auch den Hauptmast. Die Olympus lag auf der Seite und war manövrierunfähig. Das Schiff kämpfte sich inmitten der tobenden Winde durch die dunkle Nacht. Die Wände bekamen Risse, und Wasser drang ein.
Zwei Stunden nach Ausbruch des Sturms, gegen acht Uhr abends, stand das Wasser über einen Meter hoch im Rumpf des Schiffs, und die Pumpen wurden eingesetzt. An Deck mußten sich Bruder Nowers und Edmund Fuller an den Pumpen festbinden, weil das knietiefe Wasser sie sonst über Bord gespült hätte. Stunde um Stunde wütete der Sturm. Immer mehr Wasser drang in die Olympus ein.
Um Mitternacht waren der Kapitän, die Mannschaft und die Männer an Deck verzweifelt, denn der Sturm schien nicht nachlassen zu wollen. Bruder Nowers hörte, wie der Kapitän seinem zweiten Maat sagte, er solle unter Deck gehen und dem Mormonenpräsidenten Howell ausrichten, „wenn der Gott der Mormonen irgend etwas tun könne, um das Schiff und die Menschen zu retten, sollten sie ihn am besten sofort darum bitten”. Der Kapitän gab zu, daß die Olympus trotz der Anstrengungen der Mannschaft mit einer Geschwindigkeit von 30 Zentimetern in der Stunde sank und daß sie bei Tagesanbruch den Meeresboden erreicht haben würde, wenn der Sturm nicht aufhörte.
Der zweite Maat bat Bruder Nowers, ihn nach unten zu begleiten, um den Mormonen die Nachricht zu überbringen. Sobald die Wellen, die das Deck überspülten, es zuließen, öffneten die beiden die Luke und eilten unter Deck. Sie fanden Bruder Howell im Bett und richteten ihm aus, was der Kapitän gesagt hatte.
„In Ordnung”, sagte Bruder Howell ruhig. „Sie können Kapitän Wilson bestellen, daß wir nicht auf den Meeresboden landen werden, denn wir haben uns in Liverpool eingeschifft, um nach Nea Orleans zu fahren, und werden sicher dort ankommen. Unser Gott wird um beschützen.” Hamilton kehrte an Deck zurück und überbrachte dem Kapitär die Antwort.
Bruder Nowers, der tropfnaß in der Kajüte stand, entging das totale Chaos nicht. Überall rollten die Koffer und Kisten über den Boden, wenn das Schiff schwankte und bebte. Manche Passagiere weinten. Andere beteten. Wieder andere warteten still.
Präsident Howell stand schnell auf, zog sich an und rief ein Dutzend Brüder, darunter Wilson Nowers, der noch nicht lange Mitglied war, zusammen. Sie knieten im Kreis nieder, und der Reihe nach betete jeder laut darum, der Herr möge das Schiff verschonen. Bruder Howell betete als letzter.
„Während er noch betete”, sagte Bruder Nowers, „bemerkte ich, daß sich am Schwanken des Schiffs etwas Wesentliches änderte.” Statt gewaltig hin und her zu schwanken, schien die Olympus zu zittern „wie jemand, der stark erkältet war”. Er konnte nicht glauben, daß das Schiff sank. Aber er konnte auch nicht glauben, daß der Sturm so plötzlich aufgehört hatte.
Nach dem letzten tiefempfundenen Amen schickte Bruder Howell die Männer wieder ins Bett. Bruder Nowers kehrte jedoch zur Pumpe an Deck zurück. Dort stellte er zu seinem größten Erstaunen fest, daß „der Sturm auf wunderbare Weise nachgelassen hatte; der Wind hatte sich gelegt, und in der direkten Umgebung des Schiffs waren die Wellen still, während der Sturm in der Ferne noch weiterwütete”. Durch diese plötzliche Änderung hatte die Olympus angefangen zu zittern.
Bis Tagesanbruch wurde weitergepumpt. Als der Sonntagmorgen hell und klar anbrach, gab Kapitän Wilson zu, daß er getan hatte, was er konnte, ehe er die Mormonen um Hilfe gebeten hatte, und daß nur die Hand Gottes das sinkende Schiff gerettet hatte.
Während die Seeleute an Stelle des zerstörten Fockmasts einen behelfsmäßigen Mast errichteten, strömten die Passagiere an Deck. Mitglieder und Nichtmitglieder vereinten sich zum Dankgebet. Die Reisenden legten saubere Kleider an, und zum erstenmal seit Anbruch der Fahrt Liverpool tauchten glatt rasierte Gesichter an Deck auf. Eine Abordnung der Mitglieder erhielt von Kapitän Wilson die Genehmigung, die sonntäglichen Gottesdienste abzuhalten.
An diesem Tag, dem 23. März, fand nach den Predigten und Liedern ein Taufgottesdienst statt. In den ersten drei Wochen der Fahrt hatten sich einige Mitreisende bekehrt und wollten sich taufen lassen. Der Kapitän gestattete, daß ein großes Wasserfaß an Deck gebracht wurde. Innen und außen wurden Leitern angelegt, und das Faß wurde bis in Hüfthöhe mit Meereswasser gefüllt. Einundzwanzig Menschen, Männer und Frauen, wurden getauft. Am nächsten Tag wurden sie konfirmiert, es wurde das Abendmahl gehalten, und man salbte die Kranken.
Im Verlauf der Reise übten die Mitglieder durch ihr beispielhaftes Verhalten einen positiven Einfluß auf die anderen aus. Die anderen kamen zu den Gebetsversammlungen um 10 Uhr morgens und 9 Uhr abends und zu den regelmäßig stattfindenden Predigtgottesdiensten, auf denen fünf bis sechs Brüder kurz sprachen. Sie waren Zeugen vieler Gaben des Geistes erlebten Prophezeiung, Sprechen in fremden Sprachen und Krankenheilungen. Sie kamen mit ihren Kindern in die Tagesschule der Mormonen und hörten abends die Vorträge der Ältesten zu verschiedenen weltlichen Themen.
Durch diesen Kontakt mit Mitgliedern erfolgten weitere Bekehrungen.
Beim zweiten Taufgottesdienst wurden 20 Männer im Ozean selbst getauft. Die größte Falltür des Schiffes wurde an Seilen ins Wasser hinuntergelassen und bildete so eine schwimmende Plattform. Bruder Smith und weitere Brüder setzten sich darauf und ließen die Beine ins Wasser hängen. Sie waren alle durch ein Seil abgesichert. Der Täufling setzte sich links neben den Altesten,. der ihn taufte. Der Alteste griff mit der rechten Hand den Gürtel des Täuflings und mit der linken dessen Halskragen. Der Täufling hielt sich am Handgelenk des Täufers fest. Dann wurde der Täufling „in das Salzwasser getaucht und wieder hervorgebracht”.
Als die Passagiere der Olympus Ende April in New Orleans on Bord gingen und auf den Dampfer Atlantic nach St. Louis umstiegen, hatten sich 50 von den anderen bekehrt und sich taufen lassen. In St. Louis trennte man sich voneinander. Manche suchten dort Arbeit. Andere machten auf dem Dampfer Statesman die dreizehntägige Reise nach Kannesville in Iowa, wo 150 Planwagen für den Treck nach dem Westen bereitgemacht wurden. Die Passagiere der Olympus erlebten einen weiteren großen Missionarserfolg, als die Köche und einfachen Matrosen der Statesman, die von den Heiligen der Letzten Tage ungeheuer beeindruckt waren, geschlossen das Schiff verließen, nachdem es in Kannesville angekommen war, um mit den Mitgliedern die Prärien zu überqueren und bei den Heiligen der Letzten Tage in Utah zu leben.
William Hartley, Juli 1979