Jiri und Olga Snederfler in Tschechien

Mehr als 40 Jahre lang wurde Bruder Jirí Snederfler aus der Tschechoslowakei wegen seiner Mitgliedschaft in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage beobachtet, verhört und verfolgt. Er traf sich oft mit kommunistischen Regierungsbeamten, um die offizielle Anerkennung der Kirche zu erbitten — aber man begegnete ihm mit Mißachtung und ging nicht auf seine Bitte ein.
Bruder Snederfler und seine Frau Olga, die beide schon als Jugendliche getauft worden waren, blieben ihrem Zeugnis treu. Sie mußten miterleben, wie die Missionare und die offiziellen Vertreter der Kirche nach dem Beginn der totalitären Herrschaft der Kommunisten aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Mehr als 40 Jahre lang dienten sie den Mitgliedern in ihrem Heimatland im verborgenen, sprachen ihnen Mut zu und bemühten sich, den Glauben trotz der religionsfeindlichen Umwelt am Leben zu erhalten.
Als die Führer der Kirche Bruder Snederfler 1988 mitteilten, daß ein erneuter Versuch seinerseits die Entscheidung der Regierung bezüglich der offiziellen Anerkennung der Kirche vielleicht ändern könnte, zögerte er nicht einen Augenblick. Obwohl er die Sicherheit seiner Familie, seine Arbeitsstelle, seine Freiheit und möglicherweise sogar sein Leben — aufs Spiel setzte, sagte er: „Ich will hingehen! Ich will es tun!” Er nahm seine Frau in den Arm und meinte: „Wir werden tun, was immer notwendig ist. Dies ist für den Herrn, und sein Werk ist wichtiger als unsere Freiheit und unser Leben.“
Als Bruder Snederfler den Antrag auf offizielle Anerkennung der Kirche gestellt hatte, wurden das Mißtrauen und die Verfolgung, die er und weitere Mitglieder schon so lange erduldet hatten, noch schlimmer. „Doch”, so sagt Elder Russell M. Nelson vom Kollegium der Zwölf Apostel, der im Laufe der Jahre mit Unterstützung von Elder Hans B. Ringger von den Siebzig mehrere Anträge auf offizielle Anerkennung der Kirche gestellt hatte. „die Mitglieder verloren nicht den Mut und auch nicht den Glauben. Nach einer Zeit des Fastens und Betens und der strikten Einhaltung aller Bedingungen wurde uns endlich die offizielle Anerkennung erteilt. Ich bewundere die Snederflers und alle Mitglieder sehr, die so beherzt unzählige Verhöre und Gefahren erduldet haben!” (Tambuli, Mai 1992, Seite 14f.)
Doch Bruder Snederfler weist jedes Heldenlob weit von sich: „Ich habe gehört und auch manchmal gelesen, daß ich ein Held sei. Der Meinung bin ich nicht. Wir haben als Mitglieder der Kirche ständig in Gefahr gelebt, so dass wir diese Gefahr nach einer gewissen Zeit schließlich gar nicht mehr gespürt haben. Wenn man ständig in Gefahr lebt, dann hört diese Gefahr auf zu existieren. Sie wird etwas Alltägliches. Ich habe nichts anderes getan, als jedes andere Mitglied in der gleichen Situation getan hätte.“

„Ich hatte sofort den Wunsch, mehr zu erfahren.“
Bruder Snederfler wurde am 24. April 1932 in Pilsen in Westböhmen geboren. Seine Mutter erzog ihn streng religiös, und mit 14 Jahren wurde er konfirmiert.
Im September 1948 war Bruder Jiri Snederfler 16 Jahre alt. Zwei Freunde erzählte ihm, daß die Mormonenmissionare Vorträge hielten. Gemeinsam gingen sie zur nächsten Zusammenkunft. „Die Missionare waren jung, freundlich und voller Optimismus”, erzählt er. „Ich hatte sofort den Wunsch, mehr über die Kirche zu erfahren. Zufrieden mit dem, was ich aus den Vorträgen herausgehört hatte, nahm ich mir vor, mich mit den Lehren, die sie predigten, in Sinn und Herz auseinanderzusetzen.“
Sieben Monate später, am frühen Morgen seines Geburtstags am 24. April 1949, fuhren Bruder Snederfler und seine beiden Freunde zusammen mit vier Missionaren und zwei Mitgliedern mit der Straßenbahn zur Endhaltestelle in Lochotín. Von dort wanderten sie noch eine Dreiviertelstunde zum Kamenicky-See.
Bruder Snederfler erinnert sich: „Die Temperatur lag mehrere Grad unter Null, und Gras und Bäume waren mit Rauhreif überzogen. Wir gingen tapfer bis zum See, der in herrlicher Landschaft liegt, um Bündnisse mit dem Herrn zu schließen.” Sie wurden getauft und dann am Ufer konfirmiert. „Für uns alle war es der schönste Augenblick unseres Lebens.”
Der Zweig Pilsen hatte nur sieben Mitglieder. Im Jahresverlauf wurde Brüder Snederfler als Diakon und dann zum Priester ordiniert. Als die Kommunisten der Kirche im darauffolgenden Jahr alle Aktivitäten verboten und die Mission schlossen, bemühten sich der 18jährige Jiri Snederfler und andere, den Zweig am Leben zu erhalten. Mit 20 Jahren wurde Bruder Snederfler Ratgeber in der Zweigpräsidentschaft. „Wir haben immer versucht, so viele Mitglieder wie möglich zu den Versammlungen zusammenzubringen, die in der Wohnung von Mitgliedern stattfanden, doch der Druck der Geheimpolizei wurde immer stärker – es war eine sehr schwere Zeit.”

„Ich bin zu Hause”
Mit 22 Jahren heiratete Bruder Snederfler Olga Kosákowá. Auch sie hatte im Teenageralter durch zwei Freundinnen die Kirche kennengelernt, die die Missionare predigen gehört hatten. „Als ich zu ihren Vorträgen ging, wurde mir ganz warm ums Herz”, erzählt sie. „Und ich habe mir gesagt, ich bin zu Hause!” Sie ließ sich sechs Monate nach ihm (er wurde in Pilsen getauft) in Prag taufen.
Bruder und Schwester Snederfler haben sich später auf einem Ausflug kennengelernt, den Jugendliche aus verschiedenen Zweigen gemeinsam unternahmen. Die Mitglieder machten an jedem 24. Juli einen Ausflug zum Priesterhügel in der Nähe des Schlosses Karlstein, um des Weihungsgebets zu denken, das Elder John A. Widtsoe am 24. Juli 1929 dort gesprochen hatte. Manchmal gab es auch Jugendprogramme und -wettkämpfe, oder die jungen Leute studierten gemeinsam in der heiligen Schrift. Die beiden haben am 24. April 1954 geheiratet — Bruder Snederflers 22. Geburtstag und dem fünften Jahrestag seiner Taufe.
Kurz danach wurde Bruder Jiri Snederfler zum Militärdienst eingezogen. Weil er wegen seiner Religion als Staatsfeind betrachtet wurde, verbrachte er seine zweijährige Dienstzeit in einer Arbeitsbrigade und nicht als Soldat. Er bat den Herrn um Kraft und stand diese Zeit durch. Als er wieder Zivilist wurde, war er „bei guter Gesundheit und im Glauben stark”.
Wieder zu Hause in Pilsen begannen der 24jährige Jiri Snederfler und Zweigpräsident Bohumil Kólár, die Mitglieder zu Hause zu besuchen, um ihnen Mut zuzusprechen und ihren Glauben zu stärken. 1965 wurde der inzwischen 33jährige Jiri Snederfler als Ältester ordiniert.
Die Verfolgung der Mitglieder ging unaufhörlich weiter. Sie wurden häufig von der Geheimpolizei verhört. „Einmal wurde ich sechs Stunden lang verhört”, erzählt Bruder Snederfler. „Sie bedrohten uns, um uns einzuschüchtern, unseren Glauben zu erschüttern und uns von der Aktivität in der Kirche abzuhalten. Doch bei den meisten Mitgliedern hatten sie damit keinen Erfolg.”

„Wir haben unsere Kinder im Evangelium unterwiesen“
Bruder und Schwester Snederfler haben zwei Kinder – eine Tochter, Daniela, und einen Sohn, Petr. Beide Kinder bekamen als Baby einen Kindersegen. Doch weil das kommunistische Regime Religionsfreiheit untersagt hatte, erschien es den Snederflers – wie vielen anderen Eltern auch – zu gefährlich, sich selbst vor ihren noch kleinen Kindern zu ihrer Mitgliedschaft zu bekennen. Doch sie gaben ihren Kindern ein gutes Beispiel und schufen ein Zuhause, in dem Liebe herrschte und der Geist des Herrn anwesend war.
„Wir haben unsere Kinder ihr ganzes Leben lang im Evangelium unterwiesen”, erzählt Bruder Snederfler. „Wir haben mit ihnen den Familienabend und jeden Sonntag eine Familien-Sonntagsschule durchgeführt. Sowohl unsere Tochter als auch unser Sohn haben dabei mitgemacht und in der heiligen Schrift gelesen usw.”
„Unsere Kinder wußten, daß wir anders waren als die Eltern ihrer Feunde”, erzählt Schwester Snederfler, „denn wir haben weder geraucht noch Alkohol getrunken. Doch sie haben lange Jahre kaum Kontakt mit anderen Mitgliedern gehabt. Es ist schwer, Kinder unter solchen Umständen im Evangelium zu erziehen.”
Als die Tochter etwa zwölf Jahre alt war und der Sohn etwa acht, begannen Bruder und Schwester Snederfler, ihnen von der Kirche zu erzählen. „Aber unsere Tochter wollte davon nichts hören”, sagt Schwester Snederfler. Sie glaubt zwar an Gott, aber sie hat sich nie irgendeiner Kirche angeschlossen. Inzwischen ist sie verheiratet und hat ein Kind. Bruder Snederfler meint: „Sie hat ihre Entscheidungsfreiheit. Vielleicht erkennt sie ja eines Tages die Wahrheit.”
Petr, der Sohn, glaubte an das, was seine Eltern ihn lehrten, und ließ sich mit 13 Jahren taufen. Später heiratete er Jaromíta Hejdukowá, die auch der Kirche angehört. Die beiden haben zwei Kinder.

„Wir konnten nicht noch länger auf die offizielle Anerkennung warten“
Während dieser schwierigen Zeit beantragten Bruder und Schwester Snederfler oft die Ausreise aus ihrer Heimat; als Grund gaben sie religiöse Verfolgung an. Doch diese Anträge führten nur zu neuerlichen Verhören und weiterer Verfolgung. Da es in der Tschechoslowakei keine Privatfirmen gab, war Bruder Snedertler Staatsangestellter: er .arbeitete in der Landwirtschafts- und Wasserforschung. Die kommunistischen Führer ließen seine Vorgesetzten kommen und forderten sie auf, ihn mit finanziellen Einbußen zu bestrafen. Doch er sagt: „Der himmlische Vater hat uns beschützt. Unsere Vorgesetzten waren uns freundlich gesinnt, und deshalb hallen wir keine finanziellen Nachteile erlitten.”
1968 gaben sie ihre Versuche auf, aus der Tschechoslowakei auszureisen. „Wir hatten das Gefühl, daß wir in unserer Heimat bleiben mußten, weil unsere Brüder und Schwestern uns hier brauchten”, erklärt Bruder Snederfler. „Wir konnten sie nicht verlassen.”
1972 wurde Bruder Snederfler zum präsidierenden Ältesten der Kirche in der Tschechoslowakei berufen und aufgefordert, wieder mit so vielen Aktivitäten der Kirche wie möglich zu beginnen. 1975 wurde ein Distrikt gegründet, und er wurde als Distriktspräsident eingesetzt. Viele Jahre lang verbrachten er und seine Frau ihren Sommerurlaub damit, im Land umherzureisen, um Mitglieder ausfindig zu machen, sie zu besuchen und ihnen Kraft zu geben. Oft fanden sie noch eine einzige Person vor; manchmal kamen sie auch mit fünf, sechs Mitgliedern zusammen, die sich in einer Wohnung getroffen hatten. Als Führer der Kirche für die Tschechoslowakei ein Besuchervisum erhalten konnten, begleitete Bruder Snederfler sie auf ihren Reisen durch das Land.
Der Schriftverkehr zwischen den einzelnen Besuchen wurde „nur sehr vorsichtig gehandhabt”, erzählt Bruder Snederfler. ,Wir haben in unseren Briefen einen von uns erfundenen Code verwendet, damit die Geheimpolizei, die meine gesamte Post aus dem In- und Ausland zensierte, nicht merkte, worum es ging. Jemand, der unseren Code nicht kannte, konnte den Sinn unser Briefe kaum verstehen.“
Doch seine häufigen Bemühungen, die offizielle Anerkennung der Kirche zu erreichen, schlugen immer wieder fehl. Schließlich wurde ihm bewußt, daß „wir nicht länger auf die offizielle Anerkennung warten konnten. Es war soweit – wir mußten die Mitglieder jetzt auf die Zeit vorbereiten, wo sie offen nach ihrer Religion leben konnten”.
Es waren ruhige Jahre, in denen die Führer und die Mitglieder der Kirche in der Tschechoslowakei dennoch viel zu tun hatten. „Wir waren nicht untätig”, erklärt Bruder Snederfler. Weil sie offiziell keine Literatur vom Hauptsitz der Kirche in die Tschechoslowakei einführen durften, ließen sie einander unermüdlich und im geheimen an allem teilhaben, was sie an Literatur der Kirche bekommen konnten. Sie übersetzten Kirchenlieder, Handbücher und Leitfäden, schlossen die Übersetzung und die Revision des Buches Lehre und Bündnisse und von Schriftkommentaren ab und schrieben Ansprachen nieder, die auf den Distriktskonferenzen gehalten wurden.
Alles wurde dann mit einer alten Schreibmaschine mit neun Durchschlägen abgetippt. Jeder, der einen der neun Durchschläge bekam, fertigte seinerseits wieder neun weitere Durchschläge an, die er verteilte. Auf diese Art und Weise gelangte Literatur der Kirche zu allen Mitgliedern und Familien, wo immer sie auch wohnten.
Die Mitglieder waren sich die ganze Zeit darüber im klaren, daß sie schwerwiegende Konsequenzen zu befürchten hatten, wenn sie mit Kirchenliteratur erwischt wurden. „Die Regierung ließ unsere Wohnung durchsuchen”, berichtet Bruder Snederfler, „aber sie haben nie etwas gefunden. Wir hatten viele Verstecke.” Und die Sache war das Risiko wert. „Die Kirchenliteratur hat den Mitgliedern die Möglichkeit gegeben, zu studieren und sich soviel Erkenntnis wie nur möglich anzueignen. Es war eine schöne Aufgabe, die uns alle für die Zeit bereitgemacht hat, wo wir Gott wieder frei und öffentlich verehren können “

„Wir haben uns nie allein gelassen gefühlt”
Obwohl die Mitglieder in der Tschechoslowakei lange Jahre keinen Kontakt mit Mitgliedern am Hauptsitz der Kirche oder sonstwo auf der Welt und auch kaum Kontakt untereinander hatten, haben sie sich doch nie allein gelassen gefühlt. Bruder Snederfler erklärt: „Gott steht über allen. Wir haben uns immer zur großen Familie der Mitglieder auf der ganzen Welt zugehörig gefühlt.”
Eine Zeitlang reisten die Mitglieder in die ehemalige DDR, um dort ihren Patriarchalischen Segen zu empfangen. Da beide Staaten von Kommunisten regiert wurden, waren Reisen zwischen beiden Ländern in begrenztem Umfang gestattet. Doch als Bruder Calvin McOmber 1979 in die Tschechoslowakei reiste, brachte er die gute Neuigkeit mit, daß er (Bruder McOmher) bevollmächtigt worden war, den Mitgliedern in der Tschechoslowakei ihren Patriarchalischen Segen zu erteilen!
„Ich hatte schon das ganze Jahr über an die Möglichkeit gedacht”, berichtet Bruder Snederflor, „und ich hatte auch gebetet, um zu erfahren, wie ich Bruder McOmber etwas über dieses Thema schreiben sollre, ohne daß die Geheimpolizei es verstand. Schließlich beschloß ich, einfach abzuwarten und persönlich mit ihm darüber zu sprechen, wenn er kam. Und nun erzählte er mir, daß er jetzt unser Patriarch war! Ein rechtschaffener Gedanke wird vom Heiligen Geist von Herz zu Herz getragen – er braucht nicht niedergeschrieben oder ausgesprochen zu werden.”

„Unsere geistigen Augen und Ohren wurden geöffnet“
1975 reiste Elder Russell M. Nelson, der damals Präsident der Sonntagsschule war, im Auftrag von Präsident Spencer W. Kimhall nach Prag, um die Mitglieder in der Tschechoslowakei zu segnen. „Ich weiß noch, daß ich mit Elder Nelson und seiner Frau über unseren Wunsch gesprochen habe, in den Tempel gehen zu dürfen – und über unsere Angst, daß uns dies unser ganzes Leben lang vielleicht nicht möglich sein würde”, erzählt Schwester Snederfler. „Bruder Nelson sagte: Liebe Schwester, eines Tages werden Sie nach Salt Lake City zum Tempel fahren.’ So unwahrscheinlich das auch klang – ich klammerte mich an dieser Verheißung fest ” Vier Jahre später ging diese Verheißung in Erfüllung.
Im Frühjahr 1979 wurden Bruder und Schwester Snederfler von der Ersten Präsidentschaft eingeladen, die Herbst-Generalkonferenz zu besuchen und die heiligen Handlangen im Tempel zu vollziehen. Nachdem man ihnen schon viele Jahre lang nicht die Genehmigung für die Reise in die Schweiz zum nächstgelegenen Tempel erteilt hatte, hatten sie nicht die geringste Hoffnung, die Genehmigung für die Reise nach Utah zu erhalten.
Eines Tages erzählte Bruder Snederfler einigen Kollegen von dieser Angelegenheit. Eine Kollegin versprach, sie würde ihm am nächsten Morgen die notwendigen Formulare mitbringen, die er ausfüllen mußte, und sich dann weiter um die Sache kümmern. Innerhalb weniger Tage bekamen die Snederflers die Genehmigung, in die Vereinigten Staaten zu reisen. Außerdem erhielten sie das Einreisevisum für die Vereinigten Staaten und ihre Flugtickets. Sie besuchten im Oktober 1979 die Generalkonferenz in Salt Lake City und empfingen später ihre Begabung im Tempel, wo sie auch aneinander gesiegelt wurden.
„War das ein Wunder? Ganz bestimmt”, sagt Bruder Snederller. „Der Herr hat uns jemanden gesandt, der wußte, wie man die Genehmigung erhält, und er hat die Menschen beeinflußt, die über die Visa zu bestimmen hatten. Wenn die Erste Präsidentschaft eine Einladung ausspricht, kann keine Macht der Welt dagegenhalten!”
„Es war ein Wunder, ein richtiges Wunder”, meint Schwester Snederfler.
Der Tempel veränderte für sie alles von Grund auf. „Plötzlich waren unsere geistigen Augen und Ohren vollständig offen”, erklärt Bruder Snedertler. ,Wir hörten und sahen die Geheimnisse Gottes und spürten, daß wir dem himmlischen Vater besser dienen mußten. Und wir wußten auch, daß wir noch häufig die Gelegenheit zum Dienst im Tempel erhalten würden” Als im Juni 1985 der Freiberg-Tempel geweiht wurde, lud die Gebietspräsidentschaft Bruder und Schwester Snederfler ein. Während einer Weihungssession bat Präsident Gordon B. Hinckley Bruder Snederfler überraschend, einige Worte zu sagen. Nervös entsprach er seiner Bitte. Er sprach auf Tschechisch, und die Ansprache wurde ins Deutsche und Englische übersetzt. „Ich weiß noch, dass ich gesagt habe, das der Freiberg-Tempel sei wegen des großen Glaubens der Brüder und Schwestern in der DDR gebaut worden und werde auch vielen Mitgliedern aus Osteuropa dienen. Damals wusste ich noch nicht, daß der Freiberg-Tempel und die Gebete derer, die ihn besuchten, zum Fall des Eisernen Vorhangs beitragen und es den Mitgliedern aus vielen Ländern Osteuropas ermöglichen würde, zum Tempel zu fahren.” Damals wußte er auch noch nicht, daß er und seine Frau später als Präsident und Oberin des Tempels dienen und diese Mitglieder im Haus des Herrn begrüßen würden!
Am 28. Oktober 1985 hielt Elder Thomas S. Monson vom Kollegium der Zwölf Apostel in der Wohnung der Snederflers in Prag eine Konferenz für die Mitglieder ab, zu der 56 Besucher kamen. „Ich hatte schon Angst, die Decke wäre nicht stark genug, um uns alle zu tragen”, lacht Schwester Snederfler. „Aber es war eine wunderbare Versammlung.”
„Elder Monson weihte unsere Wohnung und das gesamte Gebäude für die Sammlung der Mitglieder in Prag und der Tschechoslowakei”, erklärt Bruder Snederfler. „Das war ein herrliches geistiges Erlebnis, das allen Anwesenden neue Kraft schenkte und in ihnen den festen Entschluß weckte, das Gottesreich auf- und auszubauen.” Damals ordinierte Elder Monson Bruder Snederfler auch als Hohen Priester. „Ich spürte den Heiligen Geist und das Gebot von Gott, noch besser und mit Freude im Herzen zu dienen.”

„Dafür hatte ich ins Gefängnis kommen können.“
Während der folgenden Jahre tat Bruder Snederfler alles, um die offizielle Anerkennung der Kirche zu erreichen. Und alle aktiven Mitglieder in der Tschechoslowakei halfen durch Glauben, Fasten und Beten mit. Zwei Jahre lang fasteten die Mitglieder in der Tschechoslowakei zwei Sonntage im Monat, am ersten Sonntag, zusammen mit allen Mitgliedern weltweit, und am dritten Sonntag für Religionsfreiheit.
In einem Gespräch mit der kommunistischen Behörde für Religionsangelegenheiten erfuhr Elder Russen M. Nelson im Jahr 1987, daß der offizielle Führer der Kirche in der Tschechoslowakei – das offizielle Verbindungsglied zwischen Kirche und Regierung — ein tschechischer Staatsbürger sein mußte. Elder Nelson und Elder Hans B. Ringger beriefen Bruder Snederfler zu diesem Amt.
Natürlich war Bruder Snederfler gerne bereit, diese Berufung anzunehmen; er hatte im Lauf der Jahre bereits zahllose Petitionen hei der Regierung eingereicht und war deshalb als Unruhestifter und Staatsfeind verschrien. Doch nun sollte er, ein tschechischer Staatsbürger, aufgrund eines Erlasses der Behörde die Kirche offiziell gegenüber der kommunistischen Regierung vertreten.
In der Begleitung von Elder Nelson und Elder Ringger wurde Bruder Snederfler von den Beamten freundlich empfangen. Doch als er allein zu einem Treffen im Dezember 1988 eingeladen wurde, „zeigten mir die Beamten der Behörde ihr wahres Gesicht. Sie versuchten, mich einzuschüchtern, damit ich den Antrag auf offizielle Anerkennung zurückzog. Sie bedrohten mich sogar, indem sie mir ausmalten, was den Mitgliedern alles zustoßen könnte, wenn wir weiter an unserem Antrag festhielten.”
In diesem Augenblick tat Bruder Snederfler furchtlos den Mund auf, und machte seiner Wut über die Art und Weise Luft, wie die Kirche in den vergangenen 40 Jahren behandelt worden war. „Ich verlor die Geduld und schleuderte ihnen entgegen, daß sie nur zwei Möglichkeiten hatten, uns loszuwerden – entweder erkannten sie uns offiziell an und erteilten uns die Genehmigung, öffentlich Gott zu verehren, oder sie brachten uns um, sperrten uns ein oder verwiesen uns des Landes. Mir war klar, daß ich für diese Äußerungen sofort ins Gefängnis hätte kommen können. Doch überraschenderweise begannen sie jetzt, mich höflich zu behandeln. Vielleicht befürchteten sie, die Kirche werde in der freien Welt verbreiten, wie das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei gesetzeswidrig religiös gesinnte Bürger unterdrückte. Sei es, wie es mag — ich weiß jedenfalls, daß Gott mich beschützt hat.”
Im nächsten Jahr fand sich Bruder Snederfler ganz oben auf der Liste der Geheinpolizei mit den Namen der für den Staat gefährlichen Bürger wieder.
„Doch daran hatte ich mich während der vergangenen 40 Jahre schon gewöhnt”, meint er. Und obwohl er nun monatlich von der Geheimpolizei verhört wurde, hatte er auch jeden Monat mit der Behörde für Religionsangelegenheiten zu tun. Er nutzte die Gelegenheit, „sie an den Gedanken zu gewöhnen, daß wir unseren Antrag nicht zurückziehen würden”. Am 17. Mai 1989 reichre er einen neuen Antrag auf offizielle Anerkennung ein. Als er keine Antwort erhielt, beklagte er sich schriftlich und begann, einmal in der Woche bei der Behörde vorzusprechen.

Nach 40 langen Jahren des Kämpfens
Dann kam der so bedeutsame 11. November 1989 — der Beginn der landesweiten gewaltfreien Revolution gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei. „Das war für uns das Zeichen, unserer Petition noch mehr Nachdruck zu verleihen. Die Behörde für Religionsangelegenheiten verwies mich an das Kultusministerium, das mich wiederum an das Ministerium für Staatsangelegenheiten verwies. Dieses ließ jedoch wissen, daß es ohne eine Entscheidung des Kabinetts nichts tun könne. Es war das reinste Chaos. Keiner wußte irgend etwas; keiner war für irgend etwas zuständig. Dann verschwand die Geheimpolizei; die Behörde für Religionsangelegenheiten wurde aufgelöst und die Macht der Kommunisten gebrochen.”
Im Januar 1990 reichte Bruder Snederfler die Petition der Kirche beim neuen Kultusminister ein, der für die Eintragung von Kirchen und religiösen Gemeinschaften zuständig war. Als der Kultusminister ihn angehört und die Dokumente gelesen hatte, „schrieb der Minister sofort eine Empfehlung an die Regierung, die Kirche so schnell wie möglich offiziell anzuerkennen und ihr öffentliche Aktivitäten zu gestatten. Er schrieb auch, die neue Regierung sei moralisch verpflichtet, das Unrecht wiedergutzumachen, das der Kirche während des kommunistischen Regimes widerfahren war und das ihr auf ,unrechtmäßige und verbrecherische Welse alle Aktivitäten untersagt hatte”’
Am 6. Februar 1990 trafen sich Elder Russell M. Nelson, Elder Hans B. Ringger und Bruder Snederfler mit dem Vizepräsidenten der neuen Regierung; am Nachmittag stiegen sie wie zuvor schon Elder John A. Widtsoe den Priesterhügel in der Nähe von Schloß Karlstein hinan, wo Elder Nelson die Weihung der Tschechoslowakei für die Verkündigung des wiederhergestellten Evangeliums bestätigte.
Am 21. Februar 1990 erließ die neue Regierung eine Verlautbarung, in der sie mit Wirkung vom 1.März 1990 der Bitte der Kirche entsprach. Die Neuigkeit wurde im ganzen Land verbreitet – in Zeitungen, Radio und Fernsehen. „Endlich waren die 40 langen Jahre des Kämpfens um die offizielle Anerkennung und öffentliche Aktivitäten der Kirche in der Tschechoslowakei vorüber“, freut sich Bruder Snederfler. Im Laufe des Jahres besuchte Präsident Godon B. Hickley die Tschechoslowakei und hielt eine besondere Versammlung mit den Mitgliedern ab. „Das war ein geistiges Fest für uns; alle Anwesenden gaben später Zeugnis, daß sie den Heiligen Geist sehr stärk gespürt hatten. Es gibt Augenblicke, die man das ganze Leben lang nicht wieder vergißt.”

>„Es ist so wunderschön, im Tempel zu sein.“
Bruder Snederfler erinnert sich noch an einen weiteren unvergeßlichen Augenblick: Am 20. Mai 1991 klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war Präsident Thomas S. Monson, damals Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft.
„Er sagte ,Jiri, Sie sind zum Präsidenten des Freiberg Tempels berufen worden und werden dieses Amt am 1. September dieses Jahres antreten. Was sagen Sie dazu?” Zuerst war ich vor lauter Erstaunen überhaupt nicht in der Lage, ein einziges Wort hervorzubringen. Präsident Monson fragte: ,Juri, sind Sie noch dran?” Ich antwortete Präsident Monson: ,Ich nehme diese Berufung demütig an.’”
Im Tempel öffneten die Snederflers vielen Generationen Verstorbener, die nie die Möglichkeit gehabt hatten, das Evangelium kennenzulernen, die Und sie öffneten auch die Tore des Tempels für alle, die bisher auf der Erde weil es keine Religionsfreiheit gab. Sie begrüßten Mitglieder aus ehemaligen kommunistischen Ländern wie Rußland, der Ukraine, Kaukasien, Kroatien, Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakien und der früheren DDR.
„Es ist so wunderschön, im Tempel zu sein”, sagt Schwester Snederfler schlicht. Nach vier Jahren treuen Dienens dort sind die Snederflers inzwischen nach Prag zurückgekehrt, um weiter Genealogie zu betreiben, damit noch mehr ihrer Vorfahren in den Genuß der Tempelsegnungen kommen.

„Jedes Mitglied ist ein Held“
„Vor meinen geistigen Augen lasse ich die Gesichter all derer vorüberziehen, die dazu beigetragen haben, daß das Werk Gottes in unserer Heimat wieder aufleben konnte”, sagt Bruder Snederfler und nennt dabei unzählige Namen — Missionare, Missionspräsidenten, tschechische Mitglieder sowie derzeit amtierende und frühere Generalautoritäten.
Und während er an die Namen, Gesichter und Ereignisse zurückdenkt, schüttelt er wieder den Kopf, wenn er sich vorstellt, daß er für einen Helden gehalten wird. „Ganz im Gegenteil. Ich glaube, ich hätte noch mehr tun müssen. Wenn ich ein Held bin, dann ist jedes Mitglied ein Held, denn wir alle müssen uns den zunehmenden Gefahren dieser Welt stellen. Ich glaube, daß die Kirche keine Helden braucht, sondern Menschen, die bereit sind, im Werk Gottes zu arbeiten, die Grundsätze des wiederhergestellten Evangeliums zu beherzigen, das Gottesreich aufzubauen und sich mit ganzem Sinn und ganzer Seele an Jesus Christus, den Erretter, zu binden.“
Marvin K. Gardner, September 1997

Zwei weitere tschechische Lebensgeschichten:
Miroslava Menssen-Bezakova:

Das Leben Miroslava Menssen-Bezakovas ähnelt in gewisser Weise dem Leben der Pioniere in der Geschichte der Kirche. Auch sie konnte einer geistigen Gefangenschaft und Verfolgung zum Westen hin entfliehen. Ihr Weg aus der kommunistischen Tschechoslowakei in die Freiheit war ein großes Wunder – die Erfüllung eines Wunsches, den sie hegte, seit sie in ihrer Jugend Mitglied der Kirche geworden war. Mehrmals verlor sie alles, was sie an materiellem Besitz hatte, und mußte ganz von vorn anfangen. Sie gab nie auf, und heute hat sie so ziemlich alles erreicht, was sie sich immer gewünscht hatte: Sie ist dort, wo die Kirche ohne Einschränkung wirken kann, sie hat eine glückliche Familie, erfährt Erfolg im Beruf und kann sich darin weiterentfalten.
Miroslava Menssen-Bezakova kam am 29. Januar 1939 in Topolcany , einer kleinen Stadt in der Mittelslowakei, zur Welt. Ihre Eltern waren Mikulas Bezak, ein Offizier der Slowakischen Armee, und Miroslava Bezakova, eine tschechische Pianistin. Die Familie war wohlhabend. Bald nach der Geburt ihres ersten Kindes, nämlich der kleinen Miroslava, verlegte Familie Bezak ihren Wohnsitz nach Poprad am Rande der Hohen Tatra. Sie wohnten dort in einem großen Haus mit wunderschönem Blick auf die Gebirgskette. Schwester Menssen erinnert sich gern an diesen herrlichen Ausblick, der zu ihren ersten Eindrücken von der malerischen Schönheit der Natur zählt.
Bis dahin von den Auswirkungen des Krieges verschont, wendete sich das Blatt gegen Ende des Krieges. Ihr Vater, Mikulas, nahm an der slowakischen Erhebung gegen die deutsche Besatzung teil, und die um eine weitere Tochter gewachsene Familie mußte alles Hab und Gut zurücklassen und um ihr Leben fliehen. An der Front bekam auch die kleine Miroslava die Schrecken des Krieges in vollem Maße mit. Diese Tage harter Prüfung bereitete die Familie auf die Annahme des wiederhergestellten Evangeliums vor.
Nach dem Krieg zogen die Mutter und ihre beiden Töchter verarmt in die Tschechei zurück. Sie lebten in Brünn bei den Großeltern; ihr Vater war verschollen, kam aber einige Monate nach Miroslavas Einschulung aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Es dauerte einige Zeit bis sich die Familie von dem Erlebten erholt hatte. Eine dritte Tochter wurde geboren.
1948 war ein besonderes Jahr: Missionare klopften an, lehrten die Wiederherstellung des Evangeliums und sprachen über die damit verbundenen Segnungen. Bevor die Familie sich jedoch taufen lassen konnten, wurden die Missionare 1949, nach der Regierungsübernahme der Kommunisten, als „amerikanische Spione” aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Zusätzlich wurden die Mitgliedschaft in der Kirche und jegliche Ausübung kirchlicher Tätigkeit verboten. Trotzdem baten das Ehepaar Bezak und die damals zehnjährige Miroslava mutig um die Taufe. Die heilige Handlung mußte heimlich vollzogen werden. Am 21. Mai 1950 trafen sich die Mitglieder an dem ausgesuchten Ort, doch es gab zu viele Spaziergänger. Die Brüder, die die Taufen vollziehen sollten, zogen sich in den Wald zurück, um dort zu beten. Sie flehten den Herrn an und baten ihn, einen Weg zu bereiten, damit die Taufen stattfinden könnten. Als sie zum Fluß zurückkamen, dauerte es nicht lange, bis alle Spaziergänger fortgegangen waren. Unbeobachtet konnten die Taufen zur Freude und zum Zeugnis aller Versammelten vollzogen werden.
Ein Jahr später wurde Miroslava schwer krank. Sie bekam fürchterliche Bauchschmerzen, ließ sich aber nichts anmerken, weil sie Angst vor einer Operation hatte. Sie versuchte den quälenden Schmerz zu unterdrücken. Plötzlich hörten die Schmerzen auf, und alles schien wieder gut zu sein. Kurz darauf wurde sie ohnmächtig. Ihre Eltern brachten sie eilig ins Krankenhaus, doch zuvor legten Älteste der Kirche ihr die Hände auf und segneten sie. Miroslava wurde operiert. Die Mitglieder der illegalen Gemeinde in Brünn fasteten und beteten gemeinsam für sie. Als Antwort darauf und gemäß der Verheißung des Priestertumssegens überlebte das Mädchen den Blinddarmdurchbruch, den sie – fast unglaublich – bereits eine Woche vor der Operation erlitten hatte. Das war ein großes Wunder, und es ist seither für Schwester Menssen eine Schlüsselerfahrung ihres Glaubens. Sie war damals zwölf Jahre alt.
In dieser Zeit entschied sich auch der Weg in die berufliche Laufbahn. Sie trieb sehr viel Sport und spielte gern Klavier. Am liebsten aber zeichnete und malte sie. Wenn auch die junge Miroslava auf anderen Gebieten beachtliche Erfolge erzielte (beispielsweise war sie mehrfach tschechische Meisterin im Staffelschwimmen), so fand sie doch die größte Erfüllung in der Betrachtung und dem künstlerischen Festhalten ihrer Umwelt. Mit zehn Jahren schon hatte sie kleine Portraits gezeichnet und sich damit ein wenig Geld verdient. Später redeten ihre Freunde ihr gut zu, ein Kunststudium zu beginnen.
Sie bestand die sehr strenge Aufnahmeprüfung an der Brünner Kunsthochschule. Vier Jahre studierte sie dort Malerei; danach war es ihr größter Wunsch, das Studium in Prag fortzusetzen. Ein Stipendium kam nicht in Frage, weil sie nicht der kommunistischen Jugendorganisation angehörte. Geld war knapp, und so mußte sie erst tüchtig sparen, ehe sie nach Prag gehen konnte. In Bratislava fand die junge Frau Arbeit in einem Betrieb, der historische Gebäude restaurierte. Vieles, was sie dort lernte, kommt ihr noch heute zugute, wenn sie im Rahmen ihrer Galerietätigkeit alte Gemälde restauriert und reinigt. Während der Tätigkeit in jenem Handwerksbetrieb erhielt sie den Auftrag, eine alte katholische Kirche zu restaurieren und die Decke künstlerisch neu zu gestalten. Nach einem Gespräch über Offenbarung 14:6 gab der alte Pfarrer seine Zustimmung für ein Motiv, das in einer katholische Kirche eher ungewöhnlich ist: im Mittelpunkt der Komposition steht der Engel Moroni, der das wiederhergestellte Evangelium verkündigt.
Das Zeugnis Miroslavas wurde in dieser Zeit stärker, und es erwachte in ihr eine tiefe Sehnsucht, für den Herrn tätig zu sein. Die kleine Anzahl von Mitgliedern hatte aber keinerlei Hoffnung auf Legalisierung der Kirche. Präsident Wallis Toronto, der damals „lebenslängliche” Missionspräsident für die Tschechoslowakei, versuchte einmal, .die verstreuten Mitglieder zu besuchen. Alle Versuche waren erfolglos und führten nur zu noch mehr Schwierigkeiten für die tschechischen Mitglieder. Sie wurden nun von der Polizei beschattet und verhört; auch die Familie meiner Mutter musste das über sich ergehen lassen.
Anfang der sechziger Jahre wurden die Grenzbestimmungen für den Verkehr mit der damaligen DDR geändert, und so bekamen die wenigen Mitglieder in der Tschechoslowakei Kontakt zu einigen Mitgliedern aus Ostdeutschland. So hörte Miroslava von einer Konferenz mit Elder Theodore M. Burton und Präsident Percy K. Fetzer, die zur gleichen Zeit wie die Leipziger Messe stattfand. Sie fuhr als eine der ersten Tschechen hin und nahm an der Konferenz teil. Der Geist war überwältigend, und noch viel größer wurde der Wunsch, dort sein zu können, wo das Werk des Herrn legal vorangehen konnte, und selbst darin tätig zu werden. In den nächsten Monaten ergaben sich für sie einige Gelegenheiten, auf Jugendtreffen und anderen Veranstaltungen den Kontakt zu den Heiligen in Ostdeutschland zu festigen.
Zu gleicher Zeit erreichte sie auch ein anderes Ziel: sie hatte genug Geld gespart, um ihr Kunststudium an der Prager Akademie der Künste fortzusetzen. Es folgten nationale Ausstellungen und staatliche Aufträge Man begann ihren Arbeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Ungewöhnlich für einen so jungen Menschen war ihre Kandidatur für den nationalen Kunstverein.
All dies bedeutete ihr relativ wenig im Vergleich mit dem großen Wunsch nach Freiheit. Sie suchte ernsthaft nach Möglichkeiten, das Land zu verlassen. Aber vorerst hatte der Herr andere Pläne für Miroslava. Eines Tages bekam Gelegenheit, legal nach Wien zu reisen, um dort ihre kranke Großtante zu besuchen. In Wien traf sie auch Präsident Toronto, der sie auf eine Sondermission in der Tschechoslowakei berief: sie sollte alle in der Tschechei verstreuten Mitglieder .und sie an die Bündnisse erinnern und sie einladen, zur nächsten Konferenz nach Leipzig zu kommen. Gleich nach der Rückkehr in die Tschechoslowakei machte sie sich an die Arbeit. Sie organisierte die Fahrten zu den Konferenzen und veranstaltete viele Jugendtreffen im eigenen Land. Darüber hinaus begeisterte sie die Jungen Erwachsenen, an den Jugendtagungen und Versammlungen der Heiligen Ostdeutschland teilzunehmen. Die für sie beste Tagung fand Anfang der sechziger Jahre in Halberstadt im Harz statt; auch eine ganze Gruppe aus der Tschechei kam dorthin.
Bald jedoch wurde die Polizei auf ihre Aktivitäten aufmerksam. Mehrere harte Verhöre folgten, und sie wurde fortan beschattet. 1964 beantragte sie die Auswanderung und kam nach vielen Repressalien in die Freiheit. Zunächst ließ sie sich in Frankreich nieder. Sie wohnte etliche Monate in Paris, wo sie als Au-pair-Mädchen Unterkunft gefunden hatte. Der Anfang war schwer, aber durch den Segen des Herrn und ihr künstlerisches Talent öffneten sich ihr die Türen des Erfolgs.
Sie durfte in Montmartres bekannter Künstlerkolonie malen. Es fanden sich Liebhaber ihrer Kunst, und sie verkaufte gut. Außerdem hatte sie die Kirche ganz in ihrer Nähe und konnte frei an allen Aktivitäten teilnehmen. Zu den zweifellos schönsten Erlebnissen ihres neuen Lebens in der Freiheit gehörte der langersehnte Besuch im Tempel in Zolllikofen, wo sie die Begabung empfing. Ein weiteres prägendes Erlebnis war das Freud-Echo im Sommer 1965 in Frankfurt.
Nach rund einem Jahr mußte sie wegen der französischen Visumbestimmungen Frankreich verlassen. Sie ging nach Westdeutschland und fand im Dezember 1965 Unterkunft bei einer Mitgliederfamilie in Heidelberg. Wieder mußte sie sich völlig neu orientieren, aber der Herr segnete sie. Sie sparte eifrig und konnte bald eine kleine Unterkunft mieten, in der sie auch ein Atelier einrichtete. Sie arbeitete viel und bekam genug für ein bescheidenes Leben. Groß war ihre Freude, als sie Nachricht erhielt, daß sie für die internationale Frauenausstellung im Grand Palais in Paris nominiert war. Die Ausstellung war überaus erfolgreich, sie erhielt eine sehr gute Kritik und alle ausgestellten Bilder wurden verkauft.
Im September 1966 kam eine Gruppe norddeutscher Mitglieder zu einem Sportwettbewerb nach Heidelberg. Auf dieser Sporttagung stellte man Miroslava einen jungen Mann aus Hamburg vor. Als sie sich zur Begrüßung die Hand gaben, hörte sie im Innern eine Stimme, daß dies der Mann sei, der ihr im Patriarchalischen Segen verheißen worden war. Und so kam es: Dieter Menssen und Miroslava Bezakova heirateten schon ein halbes Jahr später im Hamburg. Die Siegelung fand kurze Zeit später im Tempel der Schweiz statt.
Die Arbeit als Hausfrau und der Umzug nach Hamburg beeinflußten auch das künstlerische Schaffen Miroslava Menssen-Bezakovas. Nach Prag, Paris und Heidelberg schien ihr Hamburg zu nüchtern. Es fehlte das romantische Flair, das ihre Arbeit stets beeinflußt hatte. Sie malte viel sporadischer als früher, und als zudem nacheinander zwei Söhne, Sven und Jan, zur Welt kamen, nahm von nun an die Familie den ersten Platz in ihren Leben ein.
Sie bekam zwar Aufträge für Portraits, dies geschah aber nicht so häufig. Dagegen konnte sie in dieser Zeit ihr Können in der Kirche einsetzten; für die Gemeinde und den Pfahl gestaltete sie Plakate und Ankündigungen. Zur Regionalkonferenz 1973 in München durfte sie das Logo entwerfen, und sie gestaltete die Plakate und Gesangbücher.
Erst zu Anfang der achtziger Jahre wurde Miroslava wieder beruflich als Künstlerin tätig. Vormittags, wenn Mann und Kinder nicht zu Hause waren, malte sie. 1984 fand in Norderstedt nach vierzehnjähriger Schaffenspause wieder eine Ausstellung ihrer Werke statt. Die Ausstellung war gut, und über die Verkäufe hinaus brachte sie einige Malaufträge.
1985 mietete sie wieder ein Atelier, und im Herbst gab es eine große Ausstellung im Hamburger Hotel Plaza. Dieter, ihr Ehemann, unterstützte sie in dieser Zeit, indem er nach Feierabend Rahmen für die Bilder anfertigte. Auch die „ Rahmenkunst” ihres Mannes fand Anerkennung und brachte Aufträge. Dies alles führte zur Idee einer eigenen Galerie. Bruder und Schwester Menssen bemühten sich sehr um die Inspiration des Herrn für diesen großen Schritt. Als sie dann die klare Bestätigung bekommen hatten, daß der Herr sie auch in dieser Hinsicht segnen werde, ging für das Ehepaar ein Traum in Erfüllung: im Oktober 1986 wurde in Norderstedt die Galerie Menssen eröffnet.
Die Eröffnung des Geschäfts erschloß große Segnungen für das Leben der Familie Menssen. Dieter fand mit 51 Jahren einen guten Ausstieg aus seinem alten Beruf. Außerdem konnte die Vollzeitmission der Söhne Sven und Jan finanziert werden, das größte und wichtigste Ziel Dieters und Miroslavas. Auch wurde es möglich, in unmittelbarer Nähe der Galerie ein Haus zu kaufen, das groß genug war, die oberen Räume als Atelier für Miroslava zu nutzen.
Lange vor Eröffnung der Galerie hatte Schwester Menssen den Wunsch, ein Pionierbild zu malen und es der Kirche zu übergeben. Mitte der achtziger Jahre fertigte sie eine Kohlezeichnung und etliche Vorstudien an. Jahrelang lagen diese Arbeiten zusammengerollt im Atelier, bis Sohn Jan im Oktober 1996 von einer USA-Reise zurückkam, bei der er den Kurator des Museums für Kunst und Geschichte der Kirche kennengelernt hatte.
Das Museum ist beim Tempelplatz in Salt Lake City. Dort erruhr er vorn Internationalen Kunstwettbewerb der Kirche, der diesmal die Leistungen der Pioniere zum Thema hat. Als Schwester Menssen von ihrem Sohn davon hörte, holte sie die Vorstudien hervor und machte sich trotz der knappen Zeit sogleich an die Arbeit.
Und so entstand nach alten Skizzen und Entwürfen das Bild „Hoffnung Zions”. Es befindet sich zur Zeit in Salt Lake City und wird dort im Rahmen der Museumsausstellung zu den Pionierfeierlichkeiten von März bis September präsentiert. Danach wird es dem Bestand des Museums eingegliedert.
Das Bild „Hoffnung Zions” gibt in prächtigen Farben eine Abendstimmung in der Vorgebirgslandschaft des Mittleren Westens Amerikas wider. Das Hauptmotiv ist ein Dutzend Pioniere, die bereits einen Lagerplatz erreicht haben. Im Mittelpunkt steht ein Planwagen, vor dem ein Vater seinen kleinen Sohn hochhebt. Dieses Kind stellt die Hoffnung Zions dar, nämlich die kommende Generation. Als Gegengewicht zu den vielen Darstellungen des bitteren Leids der Pioniere entschloß sich Miroslava, eine Szene aus dem Leben der Pioniere zu malen, in der Freude und Gelassenheit vorherrschen; es ist ein Tag, an dem Glück und Dankbarkeit die Pioniere die Tragik ihres Schicksals vergessen ließ, auch wenn es wohl nicht allzuviele solcher Tage gab.
Tage voll Glück und Dankbarkeit, voll Freude und Gelassenheit — die gab es sicher auch in den schweren Zeiten im Leben Miroslava Menssen-Bezakovas.(Nachrichten der Kirche, Mai 1997)

>FÜNFZIG JAHRE IM GLAUBEN
Die Polizisten nahmen ihr einen Großteil ihrer Bücher,
aber nicht ihr Zeugnis.

Es war gegen Ende des Sommers 1994. Der Himmel war bewölkt, und meine Freundin Iveta und ich waren unterwegs in die Altstadt von Mladá Boleslav, unserer Heimatstadt in Tschechien. Wir waren beide sechzehn Jahre alt und hatten den grüßten Teil unserer Schulferien damit zugebracht, nach Nachkommen von Mitgliedern zu forschen, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg zur Kirche bekehrt hatten. Als die Kommunisten in der Tschechoslowakei (heute Tschechien und SIowakien) herrschten, waren viele Mitglieder in unserem kleinen Land gestorben. Es war manchmal sehr schwer, Hinweise auf noch lebende Mitglieder zu finden, und wir hatten auch nicht viel Erfolg gehabt. Aber wir versuchten, jeder Spur nachzugehen.
Schließlich hatten wir alle Namen auf unserer Liste bis auf einen überprüft. Unsere Hoffnung war, unter der angegebenen Adresse jemanden zu finden, der weitere Angaben machen konnte. Aber als wir der Frau an der Tür sagten, daß wir Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage seien, und sie nach ihrer Mutter fragten, machte sie mit ihrer Antwort auf einen Schlag all unsere Hoffnungen zunichte: „Dazu kann ich nichts sagen. Das ist viel zu lange her.” Enttäuscht machten wir uns wieder auf den Weg und fragten uns, oh unsere Nachforschungen überhaupt zu etwas gut gewesen waren.
Auf dem Nachhauseweg meinte Iveta: „Ich glaube, daß es noch weitere Menschen gibt, die Mitglied der Kirche waren oder Freunde in der Kirche hatten. Vielleicht sollten wir einfach ein paar alte Leute fragen, oh sie sich noch an die Kirche vor dem Krieg erinnern.” Ich war mir zwar nicht sicher, ob ihr Vorschlag gut war, hatte aber nichts gegen einen Versuch einzuwenden. So fingen wir an, alle älteren Menschen, denen wir begegneten, nach der Kirche zu fragen. Es überraschte uns nicht, daß niemand etwas wußte.
Schließlich entschlossen wir uns, nur noch eine einzige Person zu befragen und dann nach Hause zu gehen. Die nächste Passantin, die uns begegnete, war eine etwa 67jährige Frau, die uns auf unsere Frage zur Antwort gab: „Ja, ich habe viele Mormonen gekannt. Das waren sehr gute Menschen, aber leider sind sie inzwischen alle tot.” Aber ehe wir uns verabschiedeten, erzählte sie uns noch von ihrer alten Tante, die sich bestimmt gerne mit uns unterhalten würde.
Als wir am nächsten Tag hei der Tante klingelten, öffnete uns eine Frau mittleren Alters und ließ uns hinein. Dann betrat ihre Großmutter den Raum – die Frau, die wir suchten. Sie freute sch sehr, uns zu sehen – sie erinnerte sich, daß sie vor dem Krieg die Kirche besucht hatte und erzählte uns Geschichten aus jenen Tagen. Dann zeigte sie uns ein altes Bild vom Salt-Lake-Tempel.
„Ich bin jetzt 93 Jahre alt”, sagte sie. „Und ich warte seit 1997 fast fünfzig Jahren darauf, daß die Mormonen wieder in unser Land kommen. Ich wußte, daß sie vor meinem Tod wiederkommen würden. Einmal dachte ich, sie winden vor meiner Tür, aber dann merkte ich schnell, daß sie nicht zur HLT-Kirche gehörten. Ich spürte nämlich nicht den Geist, den ich vor 50 Jahren bei den HLT-Missionaren gespürt habe. Deshalb habe ich sie wieder weggeschickt.”
Ihre Worte veranlaßten mich, über mein Leben nachzudenken. Ob ich den Geist wohl noch genauso leicht erkennen könnte, wenn ich 50 Jahre lang keinen Kontakt mehr zur Kirche gehabt hätte! Ich empfand große Achtung für diese Frau und war dem himmlischen Vater sehr dankbar dafür, daß er uns zu ihr geführt hatte.
Sie schaffte es, mit uns zur Kirche zu gehen. Als sie nach den vielen Jahren zum ersten Mal wieder das Abendmahl nahm, hatte sie Tränen in den Augen. Vor kurzem habe ich ihr mehrere Ausgaben des Liahona, der Zeitschrift der Kirche in tschechischer Sprache, gebracht, und wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.
„Als sich die Mitglieder nicht mehr versammeln durften, nahm die Polizei alle Bücher über das Evangelium fort”, sagte sie. „Aber es ist mir gelungen, ein einziges Buch vor ihnen zu retten. Ich habe immer wieder darin gelesen, und es hat mir geholfen, mir den Glauben zu bewahren. In diesem Buch wird erklärt, wie die Welt sein soll. Ich hoffe, daß sie eines Tages auch so sein wird.”
Dann nahm sie ein Buch vom Tisch und zeigte es mir. Es war in tschechischer Sprache geschrieben und stammte aus dem Jahr 1938. Es hieß Die Glaubensartikel, und der Verfasser war Elder James E. Talmage, der von 1911 bis 1933 als Mitglied des Kollegiums der Zwölf gedient hat. Ich war erstaunt. Dieses Buch hatte ich selbst nie gelesen, aber ich spürte ganz genau, wieviel Gutes es für meine Gesprächspartnerin bewirkt hatte.
Ich habe in jenen Sommerferien, in denen ich Missionsarbeit geleistet habe, viel gelernt. Als sechzehnjähriger junge habe ich damals gelernt , was Geduld ist. Jetzt weiß ich, daß der Herr niemanden im Stich läßt, der an ihn glaubt.
Honza Tomsa, Juni 1997

Comments are closed.