An den Lärm kann Gordon Daniels sich am besten erinnern. Das unablässige Tosen der Brandung, wenn die drei bis fünf Meter hohen Wellen sich an den Felsen brachen und die Luft mit Gischt erfüllten, bis sie selbst fast aus Wasser zu bestehen schien. Der Lärm machte jedes Reden fast unmöglich.
Der Himmel war an den Tag bewölkt; es waren aber keine flaumigen, weichen Wölkchen, die sanft an einem strahlendblauen Himmel vorüberzogen, sondern finstere, drohende Wolken, und der Wind heulte an den Klippen entlang.
Vierundzwanzig Jungen bummelten den Nachmittag an der Nordküste von Westmaui (zu Hawaii gehörig) entlang, nachdem sie über zwei Monate Ananas gepflückt hatten. Es war ihr letzter freier Tag vor der letzten Arbeitswoche. Anschließend wollten sie noch eine Vergnügungsfahrt über die Inseln machen und dann nach Hause auf das US-Festland fahren. Die meisten Jungen unter Gordons Aufsicht hatten schon Reiseschecks in der Tasche. Sie hatten von einem sensationellen Zugloch gehört, wo die Brandung wie eine Fontäne durch eine Öffnung des Küstenfelsens gepreßt wurde. Das Zugloch befand sich mitten in einem glatten Felsplateau auf der anderen Seite der Insel, und die Jungen wollten gern hin.
Sie waren alle überrascht. Der Norden war öde, nicht so üppig grün wie das Hawaii, das sie bis dahin erlebt hatten. Die Landschaft erinnerte sie an die Bilder vom Mond. Wohin das Auge blickte, kein Grashalm, kein Baum oder irgendeine andere Pflanze, am Strand nicht ein einziges Sandkorn. Scharfe, zerklüftete Lavafelsen, die sich nach unten zu verjüngten und schließlich im Meer verschwanden.
Zwei Gruppen zu je 12 Jungen – jede mit ihrem eigenen Führer – waren an dem Tag mit einem Lastwagen und einem Kleinbus gemeinsam unterwegs.
Doug Carlsens Jungen waren zwei, drei Minuten vor Gordons Gruppe da. Langsam arbeiteten sich Gordons Jungen die schroffen Abhänge hinab bis zu dem Felsplateau vor und sahen, daß bereits sechs, sieben ihrer Freunde um das Loch herumsaßen und die Füße über den Rand baumeln ließen.
Keiner hielt das für besonders gefährlich. Sie hielten es vielmehr für ein spannendes Spiel, die Füße erst Sekunden vor dem Wasserschwall wegzuziehen. Alle 35, 40 Sekunden prallte eine Welle gegen die Felsen unter ihnen und sprühte durch das Loch die Gischt nach oben, die 15 Meter hoch in die Luft schoß, dort einen Augenblick stand und dann mit Getöse wieder in dem neunzig Zentimeter großen Loch verschwand. Es war aufregend!
Alles war feucht und glitschig, und während Gordons Jungen auf ihre Freunde zueilten, warnten sie einander davor, an die seewärts gerichtete Seite des Lochs zu geraten. Es fröstelte sie bei dem Gedanken, sie könnten über die Klippen hinabstürzen, doch der Gedanke war bloße Theorie. Niemand rechnete mit so etwas.
Dann, ohne Warnung, entlud sich ein Stoß, der viel mächtiger war als die anderen, und sie rannten volle acht Meter zu den überhängenden Felsen zurück. Unmittelbar darauf ertönte der Schrei: „Wo ist Mike?” Eine Stimme klagte laut: „Ich glaube, ich habe gesehen, wie er in das Loch gesogen wurde!”
Es ist merkwürdig, wie anders die Elemente klingen, wenn sie zur feindlichen Stimme geworden sind. Die vorherige Spannung wich regelrechter Panik.
Die beiden entsetzten Führer sprangen hin, um in die Tiefe des Zuglochs zu spähen, aber dort war alles pechschwarz. Der nächste Strahl vertrieb sie fast im selben Augenblick, aber sie kamen zurück, um vergeblich in die tiefe Finsternis zu starren, in der Mike verschwunden war.
Völlig außer sich riefen sie seinen Namen, aber es kam keine Antwort. Dreimal kam das Wasser wieder in die Luft geschossen und zwang sie zum Rückzug, und dreimal liefen sie wieder hin und riefen nach unten hin gegen den Wind seinen Namen.
Zwischen dem dritten und vierten Ausbruch kam eine Antwort, und zwar verblüffend deutlich: „Ja, ich bin hier unten, aber ich glaube, mir ist nichts passiert.” Sie wurden schwach vor Erleichterung. Mit jedem neuen Wasserstrahl hatten sie erwartet, Körperteile von Mike hochkommen zu sehen.
Alle zogen ihre Hosen aus und banden sie zu einem improvisierten Seil zusammen. Von unten war nichts mehr zu hören. Sie ließen das Seil in die Finsternis hinab und riefen Mike mit rauher Stimme zu, er solle es ergreifen, wenn es kam.
Doch die Wellen, die unermüdlichen, frustrierenden Wellen, brandeten immer weiter gegen das Ufer, und der Wasserstrahl kam immer wieder hochgeschossen. Zweimal ließen sie das Seil hinab, zweimal wurde es ihnen wieder ins Gesicht zurück geschleudert.
Einer von Mikes besten Freunden bot an, selbst hinunterzuklettern, doch der Gedanke wurde rasch verworfen. Das Wasser, das die Felsen schon seit Jahrhunderten überspülte, hatte jeglichen sicheren Halt abgetragen. So mutig der Gedanke auch war, er mußte doch fallengelassen werden.
Doug Carlsen saß vornübergebeugt da und starrte in das Loch; sein Gesicht war kreideweiß. „Was soll ich tun? Wir müssen ihn retten!“
In dem Augenblick erspähte jemand draußen in der Bucht etwas, und sie konnten ausmachen, daß es Mike war. Er tanzte auf den Wellen auf und nieder und war offensichtlich bewußtlos. Merkwürdigerweise war sein Kopf aber ziemlich aufrecht und über Wasser.
Doug sprang auf die Füße und rief: „Ich muß ihn retten!” Gordon schrie zurück: „Kannst du schwimmen?” „Nicht sehr gut, aber er ist einer von meinen Jungen – ich muß es versuchen.”
Da war Greg Parker zur Stelle. „Ich kann schwimmen”, rief er gegen das Tosen der Brandung an. „Ich bin ein Adlerscout und Rettungsschwimmer. Ich werde es schaffen!”
Also suchte sich Greg, gutaussehend und sportlich und mit großem Selbstvertrauen ausgestattet, langsam zwischen den Felsen einen Weg und sprang in die Wellen, während Mike immer näher an die scharfen Kanten eines erstarrten Lavabrockens herangetrieben wurde. Mit kräftigen Zügen schwamm Greg zu ihm hin, faßte ihn im Transportgriff und zog ihn aufs offene Meer zurück. Mike war bewußtlos, und Greg versuchte, seitlich zu schwimmen.
Wohin konnten sie aber schwimmen? Wenn sie zur Küste schwammen, schmetterten die Wellen sie gegen die Felsen. Das Wasser schlug ihnen ständig über den Kopf und mußte unweigerlich in die Lungen eindringen. Seewasser ist salzig, und wenn man es schluckt, verursacht es Brechreiz, was auch den stärksten Schwimmer auf die Dauer ermattet; Gregs ganzer Organismus war davon in Mitleidenschaft gezogen.
Inzwischen waren sie wieder bis auf sechs Meter an die Lavaformation herangetrieben worden. Die hilflosen Zuschauer konnten kaum Gregs Worte ausmachen: „Ich schaffe es nicht. Wir brauchen Hilfe!”
Steve Dudley schrie: „ Greg ist mein bester Freund.” Und noch ehe die anderen sich überhaupt rühren konnten, war er schon kopfüber ins tobende Wasser gesprungen. Jetzt waren statt einem schon drei Jungen in Gefahr.
Er schaffte es aber, zu den beiden zu gelangen, und gerade in dem Augenblick erlangte Mike teilweise das Bewußtsein wieder.
Mike konnte sich daran erinnern, wie schrecklich es gewesen war, als der Sog ihn das Zugloch hinuntergerissen hatte. Er war gut drei Meter weiter unten auf einem Felsvorsprung aufgeschlagen. Dort hatte er sich kurz festklammern können, aber nicht lange. Der Wucht der vielen Tonnen Wasser, die ins Meer zurückdrängten, hatte sein Griff nicht standgehalten; er war durch einen horizontalen Tunnel gewirbelt und ins Meer geschleudert worden.
Greg und Steve schafften es jetzt gemeinsam, Mike weiter aufs offene Meer hinauszuziehen, weg von den Klippen, und für den Augenblick waren sie relativ sicher. Gordon sagte zu dem anderen Gruppenführer. „Ich muß allein sein, um nachzudenken. Ich bin sofort wieder da.”
Er ging hinter einen riesigen Felsen, wo er allein war, und flehte mächtig zum Herrn. Er versprach ihm alles, was er hatte oder je haben werde, alles, was Gott von ihm verlange, wenn er ihm nur helfen wolle, die Jungen sicher aus dem Wasser zu holen.
Als Gordon hinter dem Felsen hervorkam, fiel ihm eine kleine Bucht etwa zwölf Meter weiter rechts auf. Sie war zwar auch mit Felsen bestückt, doch etwas sicherer. Wenn die Jungen es schafften, dorthin zu kommen, konnten sie vielleicht so lange aushalten, bis ein Hubschrauber herbeigerufen war. Sie kämpften jetzt schon zwanzig Minuten gegen die Wellen an und ermatteten ganz offensichtlich. Durch Wind und Wellen hindurch hörte er sie beten: „O Gott, bitte hilf uns!”
Die Jungen am Ufer knieten im Kreis nieder, um zu beten. Gordon stand etwas abseits. Da kam ihm ein Gedanke in den Sinn, fast wie eine Stimme, aber doch nicht ganz: „Du mußt das Meer beruhigen.”
Erst war er schockiert über die Anmaßung. Wie konnte er solche Macht ausüben? Mose hatte das Meer geteilt, aber er war doch bloß Gordon Daniels. Der Gedanke, etwas zu versuchen, was so weit außerhalb seiner Vorstellungskraft lag, beängstigte ihn.
Das Gefühl kam aber noch ein zweites und ein drittes Mal: „Du mußt das Meer beruhigen.” Es verdrängte alles andere, bis auf die Sorge: „Werde ich eines Tages dafür zur Rechenschaft gezogen werden, daß ich meine Priestertumsmacht mißbraucht habe?”
Er erhob den Arm zum Himmel und befahl den Wellen im Namen Jesu Christi, still zu sein, bis die Jungen aus der Gefahr befreit waren. Der Gebetskreis löste sich auf, und die Jungen scharten sich um Gordon, als er den Befehl noch einmal aussprach.
Sogleich waren die tosenden Wellen, die so erbarmungslos herangerollt kamen, ruhiger. Dann bildeten sich zwei riesige Wellen, die aus entgegengesetzten Richtungen kamen, aus Richtungen, wo sich vorher keine Wellen gebildet hatten, und kamen gerade dort in einem Winkel zusammen, wo die erschöpften und fast leblosen Schwimmer darum rangen, nicht unterzugehen. Die Wellen hoben sich und stießen die Jungen fünfzehn Meter näher an die kleine Bucht heran.
Einer der Jungen am Ufer war schon zum Lastwagen gelaufen, um ein Styroporkissen zu holen. Er warf es mit aller Kraft den Schwimmern zu, als ein zweites Paar Wellen genauso zusammenkam wie das erste und die Schwimmer bis an die Bucht heranschob. Jetzt waren sie noch drei Meter von der schützenden Bucht entfernt. Steve fing das Kissen auf und schob es wie ein Surfbrett unter Mike; innerhalb von Sekunden waren sie dann in Reichweite ihrer Retter.
Das einzige Problem war jetzt, daß das Ufer der kleinen Bucht genauso kahl und gefährlich war wie die übrige Küste. Es gab auch hier Felsen, und es bestand durchaus die Möglichkeit, daß die wundersamen Wellen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und sie zweimal weitergebracht hatten, sie jetzt an den unnachgiebigen Felsen zerschmettern ließen.
Gordon lief los, sobald er sah, daß die Wellen sich von neuem bildeten. Er mußte die Bucht vor den erschöpften Schwimmern erreichen.
Er watete bis zur Hüfte ins Wasser und griff nach Mike. In dem Augenblick schlugen die Wellen wieder zu, und ein Wasserschwall bedeckte beide. Er hob die Hände hoch über den Kopf, hielt den Atem an und reichte Mike an die Helfer weiter, die schon oben auf den Felsen warteten. Das gleiche wiederholte er mit Greg. Steve ließ das Kissen los und wurde gegen die Felsen geschleudert, bevor Gordon ihn zu fassen bekam. Er hatte in der Rippengegend und an den Seiten schlimme Schürfwunden.
Mike war nicht bei vollem Bewußtsein, aber alle drei waren aus dem Wasser heraus und am Leben.
Alle fühlten sich völlig erschöpft. Rund fünfundvierzig schreckliche Minuten waren seit dem ersten erschreckten Schrei verstrichen: „Wo ist Mike?” Sie ließen sich gegen die nächstbeste Stütze sinken und wollten wenigstens ein bißchen verschnaufen. Gordon spürte aber ganz dringlich, daß sie um jeden Preis ganz fort mußten, und sie begannen den Aufstieg.
Einem Jungen fielen die Reiseschecks ein, die sie in den Hosentaschen hatten. Die Hosen hingen noch zusammengebunden an den Felsen über dem Loch. Er wollte schon hin, um sie zu holen. Gordon schrie ihn an: „Nein! Laß sie, wir müssen hier raus!”
Sie trugen Mike in den Armen, und Gordon kam als letzter oben an. Er wandte sich zu einem letzten Blick zurück; ein Sonnenstrahl drang durch die Wolken. Es war fast fünf Uhr. Er war erschöpft, aber dankbar.
Als er aufs Meer hinausblickte, sah er eine ganz andersartige Welle heranrollen, als sie sie bisher gesehen hatten, nicht mit rauhen Rändern, sondern ganz glatt. Er sah fasziniert, wie sich auf ihrem Kamm ein schwarzes Loch bildete. Der schwärzeste Teil ergoß sich genau auf die Stelle, wo die Hosen lagen (und wo sie alle noch Sekunden zuvor gesessen hatten und wo jetzt noch wenigstens ein Junge gewesen wäre, wenn er ihn gelassen hätte). Als sich die Welle wieder ins Meer ergoß, waren die Felsen kahl. Von den Hosen war nichts mehr zu sehen, so als hätten sie nie existiert.
Sie trugen Mike die Klippen hinauf, so hoch sie konnten, und hielten an, um ihn in Handtücher zu wickeln, bevor sie zum Lager zurückfuhren. Als sie dort in tropfnassen Unterhosen einmarschierten, war die Aufregung groß.
Die Feuerwehr brachte Mike, Greg und Steve ins nächste Krankenhaus. Ihre einzigen Verletzungen waren Steves Schürfwunden und das Salzwasser in Mikes Lungen. Die Ärzte behielten Mike über Nacht zur Beobachtung da; sie staunten, daß er den Sturz überlebt hatte. Es waren schon andere in das Zugloch gefallen, und nie war einer lebend wieder herausgekommen.
Der Bürgermeister von Maui County ehrte Steve und Greg für ihren außergewöhnlichen Heldenmut.
Gordon läuft es immer noch kalt den Rücken herunter, wenn er an die Hoffnungslosigkeit dieses Nachmittags an der öden Küste von Maui denkt, und er .staunt, daß es ihm vergönnt war, an dem Wunder teilzuhaben, das dort geschah. Sein Versprechen hat er nicht vergessen.
Kris Mackay, Oktober 1985