Es war 1924, und wir lebten in dem walisischen Ort Abercarn in Monmouthshire. Wir waren die einzigen Heiligen der Letzten Tage am Ort. Unsere Familie allein machte die Gemeinde Abercarn aus, und sie war voll organisiert. Treu hielten wir unsere Versammlungen ab — Sonntagsschule am Sonntagmorgen und die Abendmahlsversammlung am Sonntagabend. Am Dienstagabend hatten wir GFV. Unsere Familie sang und betete zusammen, und es herrschte eine große Liebe unter uns. Doch diese Liebe und Einigkeit im Handeln störte den Satan, und er beabsichtigte, etwas dagegen zu tun.
Bald sollten wir erfahren, was Verfolgung ist. Man verspottete uns, und oft riß man mir die Mütze vom Kopf, um zu sehen, ob ich Hörner hätte. Doch es gab nichts, was wir nicht hätten ertragen können. Eines Tages fing eine junge Frau aus dem Ort an, das Evangelium zu untersuchen. Ihr Vater hatte eine Führungsaufgabe in einer der Kirchen in der Stadt inne, und als er erfuhr, daß sie unsere Hausversammlungen besuchte, wurde er sehr zornig und begann, unsere Familie und die Kirche zu verleumden. Bald wurde der Ruf auch von anderen übernommen, und die Familie Griffiths wurde das Ziel erbitterter Verfolgung.
Ein Arzt am Ort schrieb sogar einen Artikel, der in der Zeitung veröffentlicht wurde, in dem er behauptete, daß 30 Mädchen aus Wales entführt worden seien und in der mit Mauern umgebenen Stadt Salt Lake City gefangengehalten würden. Auch erschienen weitere Artikel, die die Mormonen verdammten. In einem wurde sogar der Vorschlag gemacht, man solle unsere Familie aus der Stadt treiben.
Zu jener Zeit lebten wir in einem Haus, das der Stadt gehörte, und eines Tages erhielten wir ein Ultimatum vom Stadtrat, in dem es hieß, daß man uns aus der Wohnung hinaussetzen würde, wenn wir nicht damit aufhören würden, in unserem Heim Gottesdienste abzuhalten. Mein Vater wandte sich an die Führer der Kirche um Rat und wurde angewiesen, den 12. Glaubensartikel zu befolgen, der zum Teil lautet: „Wir glauben daran … , den Gesetzen zu gehorchen, sie zu ehren und zu unterstützen.”
So wurden unsere schönen glaubensstärkenden Versammlungen zeitweilig aufgehoben. Die nächstgelegene Gemeinde befand sich in einer kleinen Stadt namens Varteg, die ungefähr 16 Kilometer entfernt lag und zu der man über die Berge steigen mußte. Eines Abends, nachdem wir das Ultimatum erhalten hatten, rief Vater die Familie zusammen und besprach mit uns die Möglichkeit, am nächsten Sonntag über die Berge nach Varteg zu gehen, um die Versammlungen zu besuchen und am Abendmahl teilzunehmen. Er ließ darüber abstimmen, und ein jeder in der Familie stimmte dafür, sogar Ivor, der erst acht Jahre alt war. Dann begann eine Zeit der größten Abenteuer unseres Lebens.
Wir stiegen auf den Llanvach-Berg, stiegen darauf ab ins Hafodrynys-Tal, dann wieder hinauf auf den Pontypool-Berg und hinab nach Varteg. Unterwegs sangen wir und sagten Schriftstellen auf. Einmal verliefen wir uns im dichten Nebel, und Vater versammelte uns zu einem kleinen Kreis und betete. Er bat Gott, uns zu unserem Ziel zu führen. Vielleicht war es ein Zufall, doch glaube ich, daß es eine Antwort auf Vaters Gebet war, denn der Wind, der gewöhnlich durch die walisischen Berge streift, erhob sich, löste den Nebel auf, und wir konnten wieder den Weg sehen.
Manchmal regnete es, und wir waren bis auf die Haut durchnäßt. Die Heiligen in Varteg borgten uns trockene Kleidung und hängten unsere nasse ums Feuer zum Trocken auf. Die Kleider paßten nicht immer, und wir lachten unter uns über unser drolliges Aussehen. Doch ließ uns der Geist, der auf diesen Versammlungen herrschte, alle Härten und Unbequemlichkeiten vergessen. Ich erinnere mich noch so gut an die Lieblingsschriftstelle meines Vaters: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen’.” Und so war es auch. Der Geist des Herrn war so stark, daß unser müder Leib erneuert und unser Geist erhoben wurde.
Die Wochen wurden zu Monaten, und jeden Sonntag machten wir uns auf den Weg nach Varteg. Eines Tages aber erhielt der Stadtrat einen Brief, der vom 12. April 1924 datiert war und der während der Sitzung besprochen wurde. Es war ein inspiriertes Schriftstück, das von einem inspirierten Diener Gottes geschrieben worden war.
„Auf meinem Schreibtisch liegt ein Zeitungsausschnitt aus der ‘Süd-Wales-Argus’, der mitteilt, daß Ihr geehrtes Gremium vor kurzem gegen einen Ihrer Mitbürger vorgegangen ist, indem man ihn des Rechts beraubte, in seinem Heim Gottesdienst abzuhalten. Der einzige Grund für ein solch willkürliches Vorgehen war: ‘Er ist Mormone’.
Nun enthüllt das Wort ‘Mormone’ dem Übelgesinnten eine derartige Vielzahl von Sünden, daß der Grund für Ihr Vorgehen ohne Zweifel hinreichend ist, zumindest für die leichtgläubige Menge. Sind Sie aber weit genug gegangen? Sind Sie sich dessen bewußt, daß der betreffende Herr noch immer zu Hause betet? Sind Sie noch nicht von der ‘Gesellschaft zur Verbreitung von Klatsch’, oder wie auch immer jene bestimmte Organisation genannt werden mag, davon informiert worden, daß der Mieter und seine Kinder, gegen die Sie eine besondere Verordnung ergehen lassen, jeden Abend und jeden Morgen ihrem Gott Dank sagen?
Warum vervollständigen Sie nicht dadurch Ihre Arbeit, daß Sie fordern, daß solche Gebete in einem Haus, das einem christlichen Stadtrat gehört, nicht gesprochen werden dürfen? Wenn Sie das Recht haben, ihn daran zu hindern, daß er Lobeslieder singt und in der Gegenwart seiner Familie und von Freunden über die Gnade und Güte Gottes spricht, so haben Sie auch das Recht anzuordnen, das er aufhört zu beten, ,weil er Mormone ist’. Deshalb muß ihm eines der am meisten geschätzten traditionellen Rechte genommen werden.
Ganz gleich, wie rechtschaffen er leben mag, so glaubt doch eine naive Öffentlichkeit, daß es etwas Schlechtes an ihm gibt. Sorgen Sie deshalb dafür, daß er im Interesse der Allgemeinheit in seinem eigenen Heim nicht mehr Gott verehrt. Da Sie doch in den Medern und Persern ein gutes Beispiel haben, die den gleichen Spruch vor 2000 Jahren gegen Daniel ergehen ließen, warum vervollständigen Sie dann nicht Ihre lobenswerte Gesetzgebung und untersagen Ihrem Mieter, seine Kinder das Beten zu lehren?
Haben Sie nicht zur weiteren Rechtfertigung Ihres Vorgehens das Zeugnis einer Ihrer Leute vorliegen, ‘daß vor zwei Jahren 30 Mädchen eine Stadt namens Machen verließen, und Sie wissen ja, daß immer dann, wenn irgend ein Mädchen irgendeine Stadt in Großbritannien verläßt, die Mormonen dafür verantwortlich zu machen sind’, so wie die frühen Christen für die Überflutung des Tibers verantwortlich waren?
Und bei jeder Übeltat, wo verbitterte Gemüter Mormonen als Urheber beschuldigen, denken die Leser der Zeitung natürlich, daß Sie die Anschuldigungen gegen die Mormonen nachgeprüft hätten. Wenn Sie dies nicht getan haben — und es ist einem jeden, der die Tatsachen kennt, klar, daß Sie es nicht haben —, haben Sie zu bösartigen Verleumdungen beigetragen. Es geziemt sich nicht für eine Körperschaft von intelligenten Männern, einen Menschen oder ein Volk so ungerecht zu beurteilen. Ich kann nicht glauben, daß das Volk, aus dem meine Mutter stammt, so engstirnig sein kann.
David O. McKay”
Der Rat beschloß, die Beratung über den Brief zu vertagen. Der Inhalt des Briefes wurde aber in der Ortszeitung abgedruckt, und so geschah einiges. Vater wurde eingeladen, auf einer Versammlung des Britischen Frauenverbandes zu sprechen. Und obwohl viele Jahre seitdem vergangen sind, ist mir jener Abend, als er zu diesen Frauen sprach, noch deutlich in Erinnerung. Er sprach von seiner Bekehrung zur Kirche und von den Verfolgungen, mit denen seine Familie überhäuft worden war. Er sprach zu ihnen über den Jungen Joseph Smith und seine Visionen und darüber, wie er sein Leben gegeben hatte, um sein Zeugnis zu besiegeln. Daraufhin legte er ein brennendes Zeugnis von der Göttlichkeit Jesu Christi ab.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie diese Frauen sich die Tränen abwischten. Und als Vater geendet hatte, gab es keinen Applaus oder eine andere Kundgebung, nur Stille, als ob sich diese Frauen über das schämten, was in ihrem Ort geschehen war.
Als Vater sich setzte, stand die Vorsitzende auf und schlug vor, daß diese Gruppe Frauen schriftlich bei der Stadt beantrage, daß die Familie Griffiths in ihrem Heim Gottesdienste abhalten dürfe. Die Abstimmung war einstimmig. Etwa eine Woche darauf erhielt Vater einen Brief vom Stadtrat, in dem es hieß, daß man uns nach sorgfältiger Überlegung gestatte, die Versammlungen wieder abzuhalten.
Der Vater des Mädchens, dem verboten worden war, unsere Versammlungen zu besuchen, versuchte immer noch, unserer Familie Schwierigkeiten zu bereiten, doch dann geschah etwas Seltsames. Mein Vater ging eines Abends zu jenem Mann nach Hause, und der Mann begegnete ihm an der Tür. Vater nannte ihn beim Namen und sagte: „Ich verspreche Ihnen, daß Gott Sie schwer demütigen wird, wenn Sie nicht damit aufhören, meine Familie zu verfolgen.” Innerhalb der nächsten Monate passierten Ereignisse, die tatsächlich diesen Mann demütigten. Seine älteste Tochter lief ihm weg und heiratete den Trunkenbold des Ortes. Sein ältester Sohn wurde in einer Kohlengrube schwer verletzt. Sein jüngster Sohn zog sich eine unheilbare Krankheit zu. Dann kam der Abend, den ich nie vergessen werde, als es an unserer Türe klopfte. Mein Vater öffnete, und da stand dieser Mann, der uns verfolgt hatte. Sein Kopf war gebeugt, und mit einer Stimme, die vor Erregung bebte, sagte er: „Mr. Griffiths, ich bin gekommen, um Sie um Vergebung zu bitten.”
Die jüngere Tochter des Mannes wurde schließlich getauft und wanderte nach Utah aus. Dort traf sie einen lieben Mann, heiratete ihn im Tempel und gründete eine liebenswerte Familie. Sie ist zwar schon gestorben, doch hat sie ihren Kindern ein Erbe des Muts und der Überzeugung hinterlassen, wie man es nur in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage findet.
Was meine Familie anbelangt, so haben wir herausgefunden, was Jesus gemeint hat, als er sagte: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr.” Dort in dem kleinen Haus in Wales fanden wir wirklich ein kleines Stück Himmel.
Thomas J. Griffiths, August 1975