1942 machte sich die junge Alexandria auf eine 800 Kilometer lange Reise durch das vom Krieg heimgesuchte Rußland. Ihr Zuhause schien unerreichbar. Doch im Gebet fand sie Mut.
Im Sommer 1941, als Alexandria Safronowa gerade siebzehn Jahre alt war, richteten die deutschen Armeen ihre Aufmerksamkeit nach Osten und drangen rasch nach Rußland vor. Obwohl Alexandria schon seit einiger Zeit geahnt hatte, daß der anschwellende Konflikt in Europa sich auch auf ihr Leben auswirken würde, hätte sie doch nicht gedacht, daß er so verheerende Folgen für ihre Familie bringen würde.
Alexandria, 1924 in der Ukraine geboren, war eine von vier Töchtern von Michael und Hanna Safronowa. Michael war ein freundlicher Nachbar und arbeitete schwer. Er liebte Pferde. Hanna war eine Frau mit großem Glauben, die oft, wenn auch immer im stillen, betete, weil es in der Ukraine nicht einmal innerhalb der Familie erlaubt war, eine Religion auszuüben oder zu lehren. Alexandria lernte von beiden Eltern vieles Wertvolle, doch von ihrer Mutter lernte sie, auf Gott zu vertrauen.
Ein Beispiel des tiefen Glaubens ihrer Mutter hinterließ bei der neunjährigen Alexandria einen bleibenden Eindruck. Einmal kam ihr Vater, nachdem er den ganzen Tag schwer auf dem Feld gearbeitet hatte, mit hohem Fieber nach Hause. Hanna scharte sofort ihre Kinder um sich, bat sie, leise zu sein, und kniete sich dann neben das Bett ihres Mannes, um ein stilles Gebet zu sprechen. Als sie sich, erhob, lächelte sie die besorgten Kinder an. „Euer Papa wird bald wieder gesund sein”, sagte sie. Noch am selben Tag ging das Fieber zurück, und er konnte wieder arbeiten. Alexandria hat dieses Erlebnis nie vergessen.
Im November 1941 war die deutsche Armee bis nach Moskau und Leningrad vorgedrungen. In diesem Monat heiratete Alexandria einen russischen Soldaten, der aus der Gefangenschaft entkommen war.
Den Krieg dicht auf den Fersen, flohen sie weit in den Norden, um bei der Familie ihres Mannes zu wohnen. Doch schon bald erreichte der Krieg auch dieses Gebiet, und sie waren zusammen mit vielen anderen Familien gezwungen, sich vier Monate lang im nahegelegenen Wald zu verstecken.
Oft sah Alexandria ihren Mann tagelang nicht. Zusammen mit vielen anderen jungen Männern hatte er sich einer Widerstandsbewegung angeschlossen, die im Untergrund arbeitete und feindliche Konvois angriff. Alexandria fürchtete um sein Leben, konnte aber nichts tun. Ihre Lage wurde noch dadurch erschwert, daß ihre Schwiegereltern sie ablehnten. Weil sie aus der Ukraine war und eine andere Sprache sprach, betrachteten sie sie als minderwertig. „Es war alles sehr deprimierend”, erinnert sie sich. „Ich weinte die ganze Zeit.”
Eines Abends kam Alexandrias Mann heim und versetzte ihr den Schock ihres Lebens: er teilte ihr nicht nur mit, daß er sich den Nazis angeschlossen hatte, sondern verlangte auch von ihr, daß sie fortging und nie wieder zurückkehrte. Alexandria, von dem drohenden, feindseligen Verhalten ihres Mannes eingeschüchtert, ging. Sie sah ihn nie wieder.
Die Reise zu ihren Eltern, die etwa 800 Kilometer entfernt wohnten, schien unmöglich. Die große Entfernung war entmutigend, und sie hatte keinerlei Verpflegung. Dazu kam, daß es Winter war. Doch all diese Ängste waren nichts gegen den Gedanken, allein durch ein Kriegsgebiet zu reisen. Alexandria erinnert sich, wie sie allein im Schnee saß, hungrig und schwach, mit eiskalten Tränen auf den Wangen. Sie war untröstlich, bis sie an die Gebete ihrer Mutter dachte und sich entschloß, zum erstenmal selbst zu beten: „Hlf mir. Hilf mir, den Weg nach Hause zu finden.” Sie war nicht sicher, ob ihr Gebet gehört worden war, dennoch machte sie sich auf die gefährliche Wanderung.

Die Wintertage vergingen nur langsam. Es schien eine Antwort auf ihr Gebet zu sein, als sie jemandem begegnete, der ihr eine Karte gab. Ein Funken Hoffnung ließ sie weitergehen, von Hof zu Hof, von Stadt zu Stadt, Tag für Tag. Brach die Dämmerung herein, bat sie Fremde um einen Platz zum Schlafen – auf dem Boden oder in der Scheune, es machte ihr nichts aus, solange es nur nicht im Freien war, denn sie mußte sich an die Ausgangssperre halten, sonst wäre sie gefangengenommen – und erschossen – worden. Es gab so wenig zu essen, daß sie sich nur von kleinen Resten altbackenen Brotes und Kartoffelschalen ernährte, die sie sich aus dem Abfalleimer holte, wenn ihre Gastgeber zu Bett gegangen waren. Sobald es hell wurde, nahm sie ihre Reise wieder auf, oft mit nassen Kleidern, weil sie nur in einer feuchten, undichten Scheune geschlafen hatte.
An einem Nachmittag, nachdem sie ungewöhnlich lange durch den tiefen Schnee gestapft war, war Alexandria so erschöpft, daß sie es allein nicht mehr bis zur nächsten Stadt schaffen konnte, ehe die Ausgangssperre hegann. Sie hatte Angst, weil sie erfahren hatte, daß deutsche Soldaten in der Gegend waren. Plötzlich tauchten drei von Pferden gezogene Heuwagen, die von deutschen Soldaten gelenkt wurden, auf der schmalen Straße auf. Als Alexandria sich neben der Straße versteckte, kam ihr eine Idee. Wenn sie auf einen der Wagen hüpfen konnte, ohne daß man sie sah, könnte sie noch vor Dunkelheit in die nächste Stadt kommen. Der letzte Wagen fuhr vorbei, und sie setzte ihren verzweifelten Plan in die Tat um. Sie rannte mit aller Kraft, konnte gerade noch eine Stange fassen, die hinten am Wagen befestigt war, und kletterte auf den Wagen.
Alexandria hatte auf diese Art eine ziemlich bequeme Fahrt, bis, ein paar Kilometer weiter, die Wagen plötzlich anhielten. Sie erstarrte vor Angst. Als sie Fußschritte hörte, schloß sie die Augen und sprach ein stilles Gebet. „Bitte hilf mir, lieber Gott!” Die Fußschritte kamen näher und hielten dann gleich neben ihr an. Alexandria hob den Kopf und sah gerade in die mitfühlenden Augen eines jungen Soldaten, der ihr durch Zeichen zu verstehen gab, daß sie sich still verhalten sollte. Dann kehrte er zu seinen Kameraden zurück, ohne von seiner Entdeckung etwas zu sagen. Die Wagen fuhren wieder los, und Alexandria kam sicher in der nächsten Stadt an.
„Ich weiß, daß der himmlische Vater über mich gewacht und mir geholfen hat”, sagt sie mit Tränen in den Augen.
Nachdem sie wochenlang unterwegs gewesen war, kam Alexandria zu Hause an – abgemagert und schwach, doch voller Freude, ihre Familie wiederzusehen. Aber schon nach kurzer Zeit holten die Deutschen alle jungen, gesunden Leute und schickten sie mit dem Zug nach Deutschland ins Arbeitslager. Da war Alexandria keine Ausnahme. Sie wußte nicht, daß Dachau, das Lager, in dem sie drei Monate lebte, für andere Menschen unvorstellbares Leid bedeutete. Von dort wurde Alexandria von Bauernhof zu Bauernhof geschickt, wo sie verschiedene Arbeiten verrichten mußte, bis schließlich die amerikanischen Streitkräfte im Frühjahr 1945 nach Deutschland kamen.
Nach dem Krieg wollte Alexandria zu ihren Eltern zurückkehren. Doch sie wurde krank, verbrachte zwei Wochen im Krankenhaus und verpaßte ihren Zug. Heute weiß sie, daß das ein Segen war. Diejenigen, die zurückkehrten, hatten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, und die Lebensbedingungen waren in Deutschland sehr viel besser als in der Sowjetunion. Als sie 1945 in einem Verschleppten-Lager wohnte, lernte Alexandria einen gutaussehenden amerikanischen Soldaten kennen. Nach einigen Monaten heirateten sie, und zwei Jahre später nahm Sergeant Ronnie Graybeal seine junge Frau mit in die Vereinigten Staaten.
Als zwei Missionare der Heiligen der Letzten Tage 1959 die Familie Graybeal besuchten, wußte Alexandria, daß sie eine besondere Botschaft brachten. Ihr Mann und zwei ihrer Kinder waren ebenfalls berührt, und die Graybeals bereiteten sich auf die Taufe vor. Als Bruder Graybeal erfuhr, daß die Luftwaffe ihn nach Deutschland versetzen wollte, entschloß er sich, sich noch vorher taufen zu lassen. Alexandria kämpfte jedoch noch damit, herauszufinden, ob Joseph Smith ein Prophet Gottes war. Einige Zeit später, nachdem die Familie nach Deutschland gezogen war, sagte ihr Mann: „Wenn du es wirklich wissen willst, dann frage doch den himmlischen Vater.” Alexandria tat es noch am selben Abend. „Ich weiß nicht, was geschehen ist”, erklärt sie, „aber am nächsten Morgen wußte ich, daß Joseph Smith ein Prophet war.” Alexandria und die zwei Kinder wurden kurze. Zeit später, im Juni 1960, in Karlsruhe getauft.
„Es war ein wunderbares Gefühl”, sagt Schwester Graybeal von ihrer Taufe. „Mein Zeugnis wurde danach sehr gestärkt, und ich konnte gar nicht genug vom Evangelium hören. Ich studierte und studierte. Es war, als ob ich durch eine Tür gegangen sei, und plötzlich war das Licht da. Es war wirklich schön.”
Alexandria hatte ihre Heimat neunundzwanzig Jahre lang nicht gesehen. In all diesen Jahren hatte sie jedoch mit ihren Eltern und einer Schwester Briefkontakt. Sie wollte sie gern besuchen, erhielt aber nie das notwendige Visum. 1972 schließlich erhielt sie die Erlaubnis, ihre Familie zu besuchen. Das Wiedersehen war eine Mischung aus Trauer und Freude: ihre Mutter und zwei ihrer Schwestern waren bereits gestorben, und ihr betagter Vater war blind. Trotzdem war es schön, bei ihrem Vater, ihrer Schwester Katrina und bei ihren Verwandten und guten Freunden zu sein.
Einmal besuchte die Familie den Friedhof, wo ihre Mutter begraben lag. Von Trauer überwältigt, fiel Katrina auf das Grab und weinte. Alexandria kniete sich neben sie und erklärte ihr, daß der Tod nichts Endgültiges sei, daß ihre Mutter im Geist weiterlebte und sie einmal wieder bei ihr sein könnten. Katrina war verwirrt, aber in ihren Augen schimmerte Hoffnung. Alexandria erklärte ihr so einfach wie möglich den Plan der Errettung. Katrina hörte aufmerksam zu und wandte sich dann an ihren Vater, der ebenfalls zugehört hatte. „Papa, glaubst du, was sie sagt?” Er nickte, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Alexandria gab ihr Zeugnis und sah einen Schimmer der Erleuchtung auf ihren Gesichtern. Über solche Dinge hatten sie zuvor nie gesprochen. Ein Same der Wahrheit war gepflanzt worden.
Heute erkennt man an Alexandrias Freude, an ihrer geistigen Stärke und ihrer tiefen Dankbarkeit, wie sehr ihr Leben davon geprägt ist, daß sie sich dem Evangelium verschrieben hat. Die Erinnerungen an die Drangsal, die sie mit siehzehn erlebt hat, sind immer noch schmerzlich, aber ihre Trauer verfliegt, wenn sie fröhlich von den Veränderungen berichtet, die sich in letzter Zeit in Europa und der ehemaligen Sowjetunion zugetragen haben. Sie ist sicher, daß viele ehemalige Sowjetbürger, so wie ihre eigene Familie, für die Zeit vorbereitet werden, wenn es in ihrer Heiüiat eine große Ernte von Seelen geben wird.
Ja, Schwester Graybeal hat selbst schon ihre Sichel mit Macht eingeschlagen. Schon seit einigen Monaten haben die Graybeals, mit Hilfe von anderen, jeden Monat durchschnittlich etwa einhundert Geschenkpakete nach Rußland geschickt. Jedes Paket enthält eine Bibel, Glas Buch Mormon und das Buch „Grundbegriffe des Evangeliums” sowie eine Broschüre über die Erste Vision, ein Bild von Jesus Christus und einen persönlichen Brief von Schwester Graybeal mit ihrem Zeugnis.
Die Auswirkungen sind überwältigend. Schwester Graybeal erinnert sich gern an den ersten Dankes-Brief, den sie aus Rußland erhalten hat: „Wir waren so begeistert! Worte können nicht beschreiben, was wir gefühlt haben! Ich hörte nicht mehr auf zu weinen.”
Immer noch erhalten die Graybeals zahlreiche Anfragen nach Lesematerial. In einem Brief stand u. a.: „Ich habe einen brennenden Hunger nach Gotteserkenntnis. Ich habe diesen Wunsch zuvor nie gehabt. Ich bete, daß der Herr Sie inspirieren möge, mir zu helfen. Ich möchte mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wissen und darüber, wie sie mir helfen kann, Frieden und Zufriedenheit im Leben zu finden. Bitte schicken Sie mir, was Sie können.”
Mit ihrem reizenden Akzent zitiert Alexandria eine Schriftstelle: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.” (Epheser 2:19.) Sie weiß, daß – wo immer wir auch leben – der Herr nahe ist und uns helfen kann.
Reggie R. Van Wagoner, September 1992