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Ein feindlicher Soldat am Rednerpult

Montag, Mai 5th, 2008

„Es war ein schönes Erlebnis, einen Mann in Feindesuniform so liebevoll zu uns sprechen zu hören.”

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde mein Vater als Präsident der Mission Deutschland-Ost berufen. Zur gleichen Zeit wurde er auch zur Armee eingezogen, und so lenkte er die Angelegenheiten der Mission mit Hilfe seiner beiden Ratgeber von der Front aus.

Eines Sonntags kurz vor Weihnachten fühlte er sich sehr einsam. Er war in Dänemark stationiert, weit weg von seiner Familie, und wollte so gerne zur Abendmahlsversammlung gehen, um Gott zu verehren. Er wußte nicht, ob es in Esbjerg einen Zweig der Kirche gab, nahm aber an, daß das möglich war. Er verstand die Landessprache zwar nicht, aber er zog seine Uniform an und ging auf die Straße; dabei pfiff er die Melodie seines liebsten Kirchenliedes vor sich hin.

Es dauerte gar nicht lange, da kam ein kleines Mädchen an ihm vorbei und fragte ihn auf dänisch: „Mormone?” Als er nickte, führte sie ihn zum Versammlungshaus des Zweiges.

Mein Vater setzte damit sein Leben aufs Spiel, denn ihm war klar, daß die Nazis ihn des Hochverrats anklagen und mit dem Tod bestrafen würden, wenn sie entdeckten, daß er eine Kirche der Feinde besuchte. Außerdem ging er ein großes Risiko en, indem er dem Zweigpräsidenten bereits an der Tür seinen Waffengurt aushändigte und sich bereiterklärte, in der Abendmahlsversammlung eine Ansprache zu halten, und zwar in einer weiteren Feindessprache, nämlich in englisch.

Ein dänisches Mädchen, das dem Zweig angehörte, schrieb meiner Mutter und schilderte ihr, was sie empfunden hatte, als dieser feindliche Soldat in ihrem Zweig gewesen war:

Gestern abend bin ich in die Kirche gegangen. Ein Deutscher war da, Ihr Mann. Viele Dänen hassen die Deutschen zwar, aber wir haben Ihren Mann doch schätzengelernt. Er sprach auf englisch zu uns, und William Orum Peterson hat übersetzt. Ihr Mann hat erzählt, daß er vor nur einem Monat alles verloren hat, was er besaß, und daß das Missionshaus zerstört worden ist. Aber er war dankbar dafür, daß seine Frau und seine Kinder in Sicherheit waren. Dann gab er Zeugnis, daß die Kirche wahr ist. Es war ein schönes Erlebnis, einen Mann in Feindesuniform so liebevoll zu uns sprechen zu hören. Und er war glücklich, daß er unter Mitgliedern sein konnte.

Jahre später, nachdem Vater gestorben war und wir in den fünfziger Jahren nach Salt Lake City ausgewandert waren, bekamen wir einen weiteren Brief – dieses Mal von einer Frau, die für die Genealogische Gesellschaft der Kirche arbeitete und deren Mann meinen Vater in Esbjerg kennengelernt hatte. Sie hatte einen Brief beigelegt, den mein Vater aus Rußland an ihren Mann in Dänemark geschrieben hatte. Der Brief war vom deutschen Militär zensiert worden, und wir konnten uns gar nicht erklären, wie er sein Ziel überhaupt erreicht hatte, wo er doch von einem deutschen Soldaten in Rußland an einen Mann in Dänemark geschrieben worden war, und dazu noch in englischer Sprache. Der Brief war vom 17. Mai 1944 datiert und lautete:

Lieber Bruder Olsen,

vor über zwei Monaten habe ich Dänemark verlassen. In den letzten Wochen habe ich die schrecklichen Seiten des Krieges kennengelernt, bin aber auf wundersame Weise vor Verletzung und Krankheit beschützt worden. Ich danke dem Herrn für die vielen Segnungen, die er mir geschenkt hat, und freue mich auf das Wiedersehen mit meinen Lieben zu Hause. Bis jetzt sind meine Frau und meine Kinder vor den feindlichen Flugzeugen beschützt worden, die jeden Tag über Deutschland fliegen. Ich denke oft an Sie und an die vielen anderen Freunde, die ich in Esbjerg gewonnen habe. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft das AIlerbeste. Grüßen Sie bitte alle von mir, die mich kennen.

In brüderlicher Verbundenheit

Herbert Klopfer

Die Liebe meines Vaters zum Evangelium und zu den Mitgliedern der Kirche ließ sich nicht von irgendwelchen Landesgrenzen einschränken. Trotz des hohen Risikos, das er damit einging, besuchte er den Zweig in Dänemark, sprach zu den Mitgliedern dort von seiner Liebe und legte Zeugnis ab. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs — er war immer noch Präsident der Mission Deutschland-Ost — verhungerte er in einem Kriegsgefangenenlager tief im Innern Rußlands.

W. Herbert Klopfer, Februar 1991


Saints and Soldiers, eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg um einen Soldaten, der in Deutschland auf Mission war und deshalb zu den Deutschen ein etwas anderes Verhältnis hat als seine Kameraden