Eine Vietnamesin, die sich zur Kirche bekehrt hatte, verbarg sich viele Jahre in einer verlassenen Tierhöhle und träumte vom Tempel auf der anderen Seite des Meeres.
Ein paar Wochen vor dem Einmarsch der Nordvietnamesen verließen die Vollzeitmissionare das Land und nahmen meine Übersetzung des Buches Mormon mit, die dann später in Salt Lake City gedruckt wurde. Sie nahmen auch die Übersetzung des Buches ,Lehre und Bündnisse` und der Köstlichen Perle mit. Diese beiden dienten als Grundlage für die später veröffentlichte Übersetzung. Es dauerte aber viele Jahre, bis ich sie endlich zu Gesicht bekam. Man bat mich, ins Gemeindehaus zu ziehen und mich darum zu kümmern, aber eine Woche später rief die amerikanische Botschaft an und teilte mir mit, wann und wo die vietnamesischen Mitglieder das Land verlassen konnten. Ich sollte zu den ersten gehören, die das Flugzeug besteigen durften, das uns in die Freiheit bringen sollte. Ich war demütig und dankbar gestimmt, aber auch sehr verwirrt. Die meisten Vietnamesen hängen an ihrem Vaterland. Der Gedanke, ihre Heimat für immer zu verlassen, schmerzt sie so sehr. daß sie gar nicht daran denken mögen. Der himmlische Vater hatte mir in meiner Heimat große Segnungen geschenkt, und deshalb fühlte ich mich meinem Land verpflichtet und beschloß, es nicht zu verlassen.
Als die Nordvietnamesen Saigon einnahmen, wurden alle südvietnamesischen Regierungsbeamten und Militärführer verhaftet, darunter auch Bruder The, unser Zweigpräsident, und alle meine Brüder, einer meiner Söhne und einer meiner Schwiegersöhne. Ende 1975 wurde mein Besitz beschlagnahmt, und ich sollte wegen meiner Kontakte zu den Amerikanern verhaftet werden.
Ich versuchte also, aus Vietnam zu fliehen. Zuerst gelangte ich nach Phu Quôc, einer Insel östlich vor Kambodscha. Ich nahm meine Schriften, meine Übersetzungen und meine Bücher und vergrub sie am Strand; dann kaufte ich mir ein Boot und bereitete meine Flucht vor. Aber die Flucht mißlang, und ich kam für drei Tage ins Gefängnis. Aber weil ich alt war, kam ich schnell wieder frei. Ich konnte meine Bücher und die Übersetzungen aber nicht mehr holen. Sie sind heute noch dort vergraben.
Fünf Jahre lang blieb ich in Küstennähe und brauchte meine gesamten finanziellen Mittel und meine ganze Kraft mit Fluchtversuchen auf. Bei jedem Fluchtversuch benutzte ich einen anderen Namen, da mich mein Nachname ja sofort verraten hätte. Ich probierte auch viele verschiedene Verkleidungen aus – als Händlerin, als Nonne, als Hausiererin.
An einen Fluchtversuch kann ich mich noch gut erinnern. Wir waren ungefähr achtzig Flüchtlinge – Männer, Frauen und Kinder. Mit einem kleinen Boot gelangten wir aufs Meer und nach zwei Tagen in internationale Gewässer. Dann aber setzte der Motor aus. Fünfzehn Tage trieben wir auf dem Meer. Nahrung und Trinkwasser gingen uns aus. und schließlich lagen wir nur noch bewegungslos auf Deck und warteten auf den Tod.
Da hörten wir einen Schiffsmotor brummen. Wir winkten. Das Schiff kam aus Europa. Man gab uns zu essen und zu trinken, aber dann wurde unser Boot zurück nach Vung-Tau und damit zu den Nordvietnamesen geschleppt. Wir weinten, und viele Männer, die dieses Schicksal nicht ertragen konnten, sprangen ins Wasser und ertranken. Die Polizei verhaftete uns. Glücklicherweise blieb ich nur ein paar Monate im Gefängnis.
Bei meinem letzten Fluchtversuch, 1981. waren wir ungefähr zwanzig Personen. In der Nacht warteten wir am Strand von Vung-Tau auf unser Boot. Die Strandwachen bemerkten uns und wollten uns gefangennehmen. Zusammen mit zwei anderen Frauen kletterte ich angsterfüllt einen Hügel hoch. Nach ungefähr einer Stunde kamen wir an eine verlassene Hütte, wo wir bis zum Morgen blieben.
Als die Sonne aufging, sahen wir, daß wir uns in einer Höhle befanden, aus der man einen Schutzraum gemacht hatte. Es gab sogar Türen, die zudem noch in gutem Zustand waren. Der Boden war betoniert, und wir fanden einige gebrauchte Küchengeräte und Reste von Möbelstücken. Weil wir hungrig waren, gingen wir nach draußen, um etwas zu essen zu suchen. Zu unserer großen Überraschung befanden wir uns in einer großen. verlassenen Obstplantage, wo es Mango-, Apfel- und andere reichtragende Obstbäume gab. Es war ein stiller Ort; in der Nähe sahen wir eine Pagode.
Am Abend machten sich die beiden anderen Frauen wieder auf den Weg, aber ich war so erschöpft von der Angst der vergangenen Jahre und so verzweifelt, daß ich nicht mehr weiterwollte. Ich blieb zurück.
In der ersten Nacht allein hatte ich große Angst. Ich verließ die Höhle und kniete auf einem Stein nieder, um zu beten. Einsam und unter Tränen bat ich den himmlischen Vater, mir den Mut und die Kraft zum Überleben zu geben. Da spürte ich Ruhe und Frieden, und ich wußte, daß ich in der Höhle bleiben konnte.
Ich habe ein Zeugnis vom Beten. Immer wenn ich innerlich aufgewühlt war oder mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, habe ich gebetet. Der himmlische Vater erhört meine Gebete immer. Er hört seinen Kindern immer zu.
Nun begann mein Einsiedlerleben. Ich schor mir den Kopf und verkleidete mich als alte buddhistische Nonne. Gelegentlich ging ich auf den nächstgelegenen Markt, um reifes Obst gegen das einzutauschen, was ich dringend brauchte. Ich erfuhr, daß die Höhle, in der ich wohnte, Tigerhöhle genannt wurde, weil es dort einen Tiger gegeben hatte, den die Dorfbewohner dann aber vertrieben hatten. Sie hatten aus der Höhle einen Schutzraum gemacht.
Jeden Abend, wenn die Sonne unterging, saß ich auf einem Stein und sah über den Pazifik hin. Ich stellte mir oft vor, daß auf der anderen Seite des Ozeans der Tempel des himmlischen Vaters sei, in dessen Nähe viele meiner Brüder und Schwestern ein glückliches Leben führten. Wenn ich darin an die schöne Zeit dachte, die ich mit den anderen Mitgliedern in unserem Gemeindehaus in Saigon verbracht hatte, mußte ich immer weinen.
Vier Jahre vergingen, allerdings nur langsam. Ich sann und betete. Ich schrieb Lieder, Gedichte und Bücher und besorgte den Garten. Niemand wußte, wer ich war. Zwei meiner Kinder waren noch in Vietnam, und ich konnte ihnen schreiben. Aber ich durfte keine Briefe bekommen – ich hatte keine Adresse. Außerdem durfte ich mich mit niemandem treffen, weil der Betreffende sonst vielleicht Schwierigkeiten bekommen hätte.
Eines Morgens, nachdem ich im Garten gearbeitet hatte, war ich ungewöhnlich müde. Ich beschloß, ins Krankenhaus zu gehen. Dort zeigte ich meinen Ausweis vor, das einzige Dokument mit meinem richtigen Namen, das ich besaß. Eine Frau, die in der Nähe stand, fragte: „Sind Sie Frau Cong Ton Nu Tuong-Vy?”
Ich wandte mich ab und fragte: „Warum wollen Sie das wissen?” Sie machte mir ein Zeichen, ein Stück mit ihr beiseite zu gehen, wo ihr Koffer stand. Dann holte sie einen Brief hervor, blätterte eine Seite auf und ließ mich den folgenden Absatz lesen: „Liebe Schwester Thuy, versuchen Sie doch bitte, Frau Cong Ton Nu Tuong-Vy zu finden, die irgendwo in der Nähe der Küste von Vung-Tau wohnen muß. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage möchte mit ihr Kontakt aufnehmen. Gezeichnet, Quoc-Phong.”
Als ich den Namen der Kirche sah, brach ich in Tränen aus. Meine neue Freundin half mir, mit den in Saigon verbliebenen Mitgliedern Kontakt aufzunehmen. Jetzt schrieben wir 1985 – zehn Jahre waren vergangen, seit ich den Kontakt zur Kirche verloren hatte.
Das Weihnachtsfest in jenem Jahr werde ich nie vergessen. Ich fuhr mit dem Bus nach Saigon, wo sich die Mitglieder zum erstenmal seit zehn Jahren wieder versammelten, und zwar in einem Park. Wir waren fast einhundert Personen. Es gab Eis und Kuchen, und später brachen die Brüder, die das Priestertum trugen, Brot und gossen Wasser in kleine Gläser, damit wir das Abendmahl nehmen konnten. Wir neigten den Kopf und beteten im stillen. Unsere Freude war voll.
Von jenem Tag an erwachte unser kleiner Zweig wie aus einem tiefen Schlaf. Ein Ältester wurde bestimmt, der über uns präsidierte. Manchmal konnten wir durch das VASAA (Veterans Assisting Saints Abroad Association) in Kontakt mit der Kirche und mit anderen Mitgliedern treten.
Mir wurde schließlich gestattet, Vietnam zu verlassen. Die VASAA hatte mit der kanadischen und der vietnamesischen Regierung wegen meines Ausreisevisums verhandelt. Mein ältester Sohn, der in Toronto wohnte, hatte für mich gebürgt.
Knapp ein Jahr später, nämlich im März und im April 1988, war ich endlich in Salt Lake City. Ich blieb zehn Tage und nahm an der Generalkonferenz teil. Ich lernte viele Menschen, Missionare und Generalautoritäten kennen. Als ich zum erstenmal den Tempelplatz sah, mußte ich einfach weinen, weil ich so gesegnet war. In der Tigerhöhle war es mein größter Wunsch gewesen, den Tempel zu sehen. Jetzt endlich konnte ich im Haus des Herrn mein Endowment erhalten.
Ich wohne jetzt in den Vereinigten Staaten, aber meine Erlebnisse in Vietnam habe ich nicht vergessen. Ich bete darum, daß der himmlische Vater meine Schwestern und Brüder segnet, die dort geblieben sind. Ich weiß aus eigener Erfahrung, das nichts das Evangelium zerstören kann, das der himmlische Vater uns gegeben hat.
Gong Ton Nu Tuong-Vy, August 1990
Gong Ton Nu Tuong-Vy gehört zur Gemeinde Long Beach 9 im Pfahl Long Beach in Kalifornien. Sie arbeitet als private Krankenpflegerin.