Als Willard Bean und seine Frau im Frühjahr 1915 nach Palmyra in New York zogen, waren sie seit vierundachtzig Jahren die ersten Heiligen, die wieder in dieser Stadt lebten. Sie hatten eine große Aufgabe vor scih, sie sollten nämlich in diesem Gebiet, das für seine Vorurteile gegen die Heiligen der Letzten Tage bekannt war, das Evangelium predigen und Freundschaften schließen.
Acht Jahre vorher, 1907, hatte Elder George Albert Smith von einem Mann namens William Avery Chapman Joseph Smiths Farm gekauft. Mr. Chapman hatte darum gebeten, so lange auf der Farm wohnen bleiben zu dürfen, bis er einen anderen angemessenen Wohnsitz gefunden habe. Er blieb noch sieben Jahre dort wohnen, also bis 1914. Dann begann sich Präsident Joseph F. Smith nach dem richtigen Mann umzusehen, der mit seiner Familie nach Palmyra ziehen, auf der Farm wohnen und die Kirche repräsentieren könnte.
Willard Bean und Rebecca Petersen waren noch nicht einmal ein Jahr verheiratet. Zu Beginn des Jahres 1915 besuchten sie eine Konferenz der Kirche in Richfield, Utah. Vor der Versammlung nahm Rebecca ihren Platz auf der Gallerie ein, wo der Chor saß, und Willard unterhielt sich mit Bekannten vor dem Gemeindehaus. Gerade als Willard Bean das Gebäude durch die Seitentür betrat, stand Präsident. Smith auf und sagte: „Darf ich Willard Bean zum Podium bitten?“
„Willard“, sagte er, „ich habe eine Aufgabe für Sie. Ich werde Ihnen mehr sagen, wenn die Versammlung vorüber ist.“ Später erklärte Präsident Smith: „Als Willard Bean durch die Tür trat, kam mir ein starker Eindruck, fast so, als wenn ein Stimme zu mir gesagt hätte: ‚Das ist der Mann’“ Als er Willard und Rebecca Bean in jenem Frühling in ihre Aufgabe einsetzte, sagte er ihnen, daß sie sich in Palmyra vielen Vorurteilen gegenübersehen würden. Aber er fügte auch voller Vertrauen hinzu: „Willard, ich kenne sie und Ihre Missionsarbeit und Ihre Kämpfernatur, und ich bin sicher, daß ich den richtigen Mann schicke.“

Das Gerücht, die Mormonen kämen zurück, verbreitete sich schnell in Palmyra. Die Einwohner waren wütend. Weil Willard Bean eine junge Frau und zwei Kinder aus einer früheren Ehe mitbrachte, wurde er gleich als Polygamist abgestempelt. Niemand wollte mit ihm sprechen, in den Läden wurde er nicht bedient, und die Einwohner gingen auf die andere Straßenseite, wenn sie ihren Hund spazieren führten und ihm begegneten. Zwei Jahre lang mußten sie mit dem Pferdewagen in die Nachbarstädte fahren, um für ihren Lebensunterhalt einzukaufen.
Er hatte schon vor seiner Mission in Tennessee von 1893 bis 1895 Vorurteile erlebt. Aber seine junge Frau war es nicht gewöhnt, so behandelt zu werden, und sie war tief verletzt, wenn die Leute an ihrem Haus vorbeiliefen, Obszönitäten schrien, sie beschimpften und ihnen nahe legten, nach Utah zurückzukehren, wo sie hergekommen waren.
Als sie das erste Mal einen Ausflug zum Hügel Cumorah machten, trafen sie auf einen Mann mit einem Gewehr in der Hand, der ihnen unmißverständlich klarmachte, daß Mormonen niemals auf den Hügel steigen dürften.
Als die Beans erst kurz in Palmyra wohnten, versammelten sich die Einwohner und schickten eine Abordnung auf die Farm.
„Kommen sie doch herein“; forderte Willard Bean sie auf.
Aber sie antworteten: „Nein, Mr. Bean. Kommen Sie heraus. Wir haben eine Versammlung abgehalten und sind als Abordnung hierhergeschickt worden, um Ihnen zu sagen, daß Sie auf Wunsch der Einwohner Palmyra verlassen sollen. Wir wollen hier keine Mormonen mehr..“
„Das tut mir sehr leid. Wir sind mit der Hoffnung hierhergekommen, daß wir mit Ihnen zusammenleben und dem Gemeinwesen Nutzen bringen könnten. Und ich sage ihnen: Wir werden hierbleiben, auch wenn wir deshalb kämpfen müssen. Ich nehme es nach Belieben mit einem oder mit dreien auf. Wir werden hierbleiben.“ Die drei Männer gingen davon, und niemand hat je wieder etwas von ihnen gehört.
Die drei Männer hatten es nicht gewußt, aber es wurde dann schnell in der Stadt bekannt, daß Willard Bean Berufsboxer war. Er war Meister im Mittelgewicht in den Vereinigten Staaten. Seine Fähigkeiten beim Boxen brachten ihm die Bezeichnung „der kämpferische Geistliche“ ein und erwiesen sich für ihn mehr als einmal als sehr nützlich.
In den folgenden Monaten wurden mehrere Redner nach Palmyra geholt, die Vorträge gegen die Mormonen hielten. Zu den eindrucksvollsten gehörte Lulu Loveland Shepard aus Pittsburgh, die die ganze Stadt mit einer Lügentirade gegen die Kirche in Aufruhr versetzte.
Auch mehrere andere Redner kamen nach Palmyra, um gegen den Mormonismus zu predigen. Aber Willard war für sie ein schwerer Gegner, so wie Heber J. Grant es vor Jahren im Missionsfeld gesagt hatte: „Ich kenne keinen Mann in der Kirche, der soviel Schriftstellen zitieren kann wie Willard Bean.“ Er kannte die Bibel gut, und es fiel ihm nicht schwer, in jeder Diskussion mit einem anderen Geistlichen, sei er nun aus Palmyra oder aus einer anderen Stadt, die Oberhand zu behalten.
Manche Geistliche zogen es vor, Willard Bean und die Heiligen der Letzten Tage in Zeigungsartikeln anzugreifen, anstatt selbst mit ihnen zu diskutieren. Ein Geistlicher tat das mehrere Male und mißachtete Willard Beans Bereitschaft, sich mit ihm zu einer öffentlichen Diskussion zusammenzusetzen. Willard Bean antwortete schließlich, indem er einen eigenen Artikel in der Zeitung von Palmyra veröffentlichte:
„Ich bin nicht nach Palmyra gekommen, um gegen andere Kirchen oder gegen Menschen zu kämpfen, die eine andere Religion oder keine Religion haben. Ich bin von Natur aus ein toleranter und friedliebender Mann, und ich hatte gehofft, zum besseren Teil der Stadt zu passen und für das sittliche Vorankommen und die Verbesserung des Gemeinwesens meinen Beitrag leisten zu können. Aber ich habe auch ein bißchen Kämpferblut in meinen Adern, und wenn ich oder meine Leute auf gehässige Weise von Rufmördern angegriffen werden, dann halte ich es für mein Recht und meine Pflicht, mich zu verteidigen. Ich möchte Ihnen folgendes ans Herz legen: Falls sich weiterhin ein Geistlicher genötigt sieht, meine Religion bloßzustellen, dann braucht er nicht nach bezahlten Hetzern gegen den sogenannten Mormonismus zu schicken. Das besorge ich schon umsonst.“
Danach gab es nur noch wenige Versuche, die Kirche in Verruf zu bringen. Ein paarmal wurden Diskussionen angesetzt, aber seltsamerweise wurden die Sprecher der Gegenseite immer ein der zwei Tage vorher aus der Stadt abberufen. Die Beans hatten zwar schließlich den Kampf ums Überleben gewonnen, aber die Atmosphäre in der Stadt ließ immer noch viel zu wünschen übrig.
Willard Bean wollte das Eis brechen und schlug daher vor, einen Boxkampf zu organisieren. Im alten Opernhaus mitten in der Stadt wurde ein Ring aufgestellt und der kämpferische Geistliche, der in der Stadt nicht im Ruf der Schüchternheit stand, forderte jeden auf, mit ihm in den Ring zu gehen.

Als der Abend, an dem der Boxkampf stattfinden sollte, herangekommen war, saßen die größten Prahlhänse der Stadt in den ersten drei Reihen. Als es losging, stieg der erste in den Ring. Aber er kam gar nicht dazu, dem anderen einen Hieb zu versetzen, denn nach fünfzehn Sekunden war er bereits k. o. Während er aus dem Ring getragen wurde, stieg der zweite Kandidat hinein, und auch er wurde nach wenigen Sekunden hinausgetragen. Und so ging das weiter, bis der siebte Herausforderter aus dem Ring getragen wurde – keiner hatte auch nur eine Runde überstanden. Der achte Mann zog daraufhin seine Meldung zum Boxkampf gegen Bean zurück, und es ließ sich auch kein weiterer Gegner finden.
Fast so eindrucksvoll wie Willards Sieg waren seine Gymnastikeinlagen zwischen den Kämpfen. Während seine Gegner aus dem Ring getragen wurden, machte er Saltos rückwärts und andere Kunststückchen.
Der Kampf war ein großer Erfolg, und danach wurden die Leute freundlicher. Willard Bean begann, Straßen- und Hausversammlungen abzuhalten. Mit Rebeccas stimmlichen Geschick und Willards lauter Stimme brachten sie schon eine ganz schöne Menschenmenge zusammen. Der Bankier der Stadt, Pliny T. Sexton, wollte ihnen helfen und gestattete ihnen, im Park gegenüber der Bank zu predigen. Er arrangierte es, daß Willard Bean den Musikpavillon als Podium benutzen durfte, und er sorgte dafür, daß nachts die Scheinwerfer brannten. Bald versammelten sich regelmäßig zwischen zweihundert und vierhundert Zuhörer.
Der Auftrag, den Willard Bean von der Ersten Präsidentschaft gekommen hatte, beschränkte sich nicht darauf, Freundschaften zu schließen und Menschen zu bekehren Er sollte auch dafür sorgen, daß die Kirche, wann immer möglich, historische Stätten in und um Palmyra erwerben konnte. Pliny Sexton besaß den Hügel Cumorah, und es lag Bean besonders viel daran, ihn zu erwerben.
Präsident Heber J. Grant und sein Ratgeber, Charles W. Nibley, gingen eines Nachmittags gemeinsam mit Dean zu Mr. Sexton. Der Eigentümer verlangte 100.000 Dollar für den Hügel, und Bean warf dem geizigen Bankier scherzhaft vor, er sei auf das Gerede der Leute über den sagenhaften Reichtum der Mormonenkirche hereingefallen. Dann ließ er ihn wissen, daß die Kirche während der letzten hundert Jahre ganz gut ohne den Hügel ausgekommen sei und das auch weiterhin tun werde, bis er ein realistisches Angebot mache.
Auf dem Rückweg zur Farm sagte Präsident Nibley vertrauensvoll: „Wenn der Herr möchte, daß dieser Hügel in unseren Besitz übergeht, dann wird sich eine Möglichkeit dazu auftun.“
Seine Vorhersagen erwies sich als richtig. Als Mr. Sexton gestorben war, fiel sein Grundstück an mehrere entfernte Nichten, die schworen, daß sie den Hügel niemals verkaufen würden, zu welchem Preis auch immer. Aber dann starben nacheinander auch die Nichten. Schließlich rief der Rechtsanwalt, der Mr. Sextons Grundbesitz verwaltete, Willard Bean eines Nachmittags im Februar 1928 in sein Büro und sagte, nun sei der Zeitpunkt gekommen, um sich über den Verkauf des Hügels zu einigen. Willard konnte als den Hügel Cumorah kaufen, außerdem drei Farmen, die am Fuß des Hügels lagen, und Grace Hall, ein Gebäude, das ein schönes Gemeindehaus für die Heiligen abgeben würde. Das waren zusammen über sechshundert Morgen Land, und alles zusammen für nur 53.000 Dollar. Während der folgenden Generalkonferenz sagte Präsident Grant: „Wir haben kürzlich den Hügel Cumorah erworben, und es sieht sehr danach aus, da dieser Kauf mit Gottes Hilfe zustande kam.“
In den folgenden Jahren trug Willard Bean dazu bei, daß die Farmen Martin Harris und Peter Whitmers erworben werden konnten. Außerdem sorgte er dafür, da der Hügel Cumorah wieder aufgeforstet wurde, um seine natürliche Schönheit wiederherzustellen, die bestanden hatte, als Joseph Smith die Goldplatten erhielt. Mit Hilfe seiner drei Söhne, den örtlichen Missionaren und bezahlten Hilfskräften pflanzte er 65.000 junge immergrüne Bäume und außerdem 3000 Hartholzbäume, die aus der Randzone des heiligen Hains ausgegraben worden waren. Heute bedeckt ein mächtiger Wald dieses herrliche Wahrzeichen der Kirche.
Von der eigentlichen Verfolgung war in Palmyra nur noch en schwacher Abklatsch übriggeblieben, und Willard und Rebecca Bean sowie ihre Kinder wurden als Bürger anerkannt. Man forderte sie auf, sich der Eltern-Lehrer-Organisation anzuschließen. Willard Bean wurde in den Aufsichtrat gewählt, er wurde Stammitglied im Palmyra Lion’s Club und dann dessen Präsident. Außerdem wurde er in das Pfadfinderkomitee für den Kreis Wayne gewählt, wurde Beamter in der Vereinigung der „Bürger und Geschäftsleute“ und Mitglied der Handelskammer von Rochester. Er nahm gerne jede Einladung an, vor Geschäfts und Zivilorganisationen zu sprechen.
Rebecca Bean war erste FHV-Leiterin in Palmyra. Jeder, der sie kannte, achtete und bewunderte sie. Die Wohlfahrtsorganisationen am Ort arbeiteten mit ihr zusammen und besorgten gerne das Material für den Dienst am Nächsten, beispielsweise ganze Stoffballen.
Die Kinder der Beans, die einst an einem Tisch in der entferntesten Ecke des Klassenzimmers hatten sitzen müssen, zeichneten sich durch hervorragende Schulleistungen aus. Alvin Bean vertrat Kreis Wayne beim Rechtschreibwettbewerb auf der Ausstellung des Staates New York in Syracuse. Sohn Dawn und Tochter Palmyra hielten jeweils für ihre Klasse die Rede bei der Schulfeier, als sie die Schule beendet hatten. Außerdem wurden die Kinder erfolgreiche Sportler.
Auf der Farm waren oft Kirchenführer zu Gast, und bald wurden die Missionarskonferenzen der Oststaaten im Heiligen Hain abgehalten. 1926 wurde unter der Leitung von Willard Bean zum ersten Mal ein Stück aufgeführt, das als Vorreiter der heutigen Freilichtspiels am Hügel Cumorah anzusehen ist.
Willard und Rebecca Bean waren „für fünf Jahre oder länger“ nach Palmyra geschickt worden. Es wurde „länger“ daraus, und es dauerte insgesamt gut fünfundzwanzig Jahre, bis sie von ihrer Aufgabe auf der Farm entbunden wurden. Sie waren als Jungvermählte im Staat New York angekommen, und sie verließen die Farm als Großeltern. Während sie dort lebten, schenkte Rebecca Bean vier Kindern das Leben. Jedes Kind wuchs mit dem Bewußtsein der geistigen Ereignisse auf, die sich dort zugetragen hatten, und als sie die Farm verließen, besaß jedes Kind ein gutfundiertes Zeugnis vom Evangelium.
Es erfüllte die Beans mit großer Befriedigung, als sie beobachten konnten, wie sich die Atmosphäre in der Stadt wandelte von Eiseskälte zu Achtung und Bewunderung. Als sie ihren Wegzug aus Palmyra vorbereiteten, gaben die Bewohner der Stadt ihnen zu Ehren Partysund Bankette, um ihnen zu zeigen, wie gern sie sie hatten. Die Beans hatten wirklich ihr Herz gewonnen.
Vicky Bean Zimmerman, Oktober 1985